Tagesschau-Theater
Vor 35 Jahren verfasste ein Tübinger Umweltaktivist leidenschaftliche Briefe an den Bundeskanzler. Er schreibt gegen das «Welt-Nuklearkartell» an, gegen den Raubbau an der Natur. Der Bundeskanzler hat keine Zeit zum Briefelesen, sein Problem gärt nicht auf Müllkippen, sondern unter dem Emblem der RAF. Der urgrüne Rebell reagiert mit Hungerstreik. Als er unter den damals 60 Millionen Bundesdeutschen «nicht die Handvoll Helfer» findet, die «unentbehrlich» wären, kippt er einen Benzinkanister über sich und macht sich «zur lebenden Fackel des Protestes».
Hartmut Gründler hieß dieser verirrte Geist. Am Theater Freiburg markiert sein Monolog, gesprochen von Frank Albrecht, die größtmögliche historische Diskrepanz zur politischen Gegenwart. Baden-Württemberg wird von einem grünen Ministerpräsident regiert, das neue Bürgertum in Städten wie Freiburg und Tübingen leistet sich grüne Oberbürgermeister, und dass demnächst ein grüner Kanzlerkandidat keine Zeit zum Briefelesen hat, ist durchaus wahrscheinlich.
Ob sich ein Stadttheater deshalb zum Schlachtenmaler einer Parteichronik machen muss, ist eine Frage, an der man sich eine ganze Spielplanung lang aufreiben kann. Vom Ergebnis her ...
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Theater heute August/September 2011
Rubrik: Chronik, Seite 74
von Stephan Reuter
In seinem Erstlingswerk «Krauses Erzählungen» stellt sich der 31-jährige Daniel Gurnhofer – Doktorand der Erziehungswissenschaften – einen «arbeitslosen Melancholiker» namens Krause vor, der seit zehn Monaten seine Wohnung nicht verlassen hat. Infolge ausufernden Drogenkonsums wird Krause in seiner mit Pizzakartons zugemüllten Bude, die wiederum dem Regisseur...
Zwischendrin sah es so aus, als wäre das Live-Art-Festival auf Kampnagel ein Zuschauer-Alptraum mit nur zwei Alternativen: entweder mitmachen oder Nackte ansehen. Da erhielt man als Gefangener einer Spielsituation den Auftrag, einem wildfremden Nachbarn mit beiden Händen würgend an den Hals zu fassen, sah einer vollständig unbekleideten Akteurin dabei zu, wie sie...
Glühlämpchen blinken, die Bodengoldfolie glitzert, der Vorhang spannt sich rot und weiß – eine breit gestreifte Beleidigung für jedes Auge, ausgenommen Freunde der Baumarktmarkise. Ein Theaterstück, das freiwillig in so einem Ambiente spielt, das kann nur schrecklich oder schrecklich lustig sein. Ausgenommen ein Stück von René Pollesch. Das ist dann schrecklich...
