Kreativer Nachweltbedarf
Glühlämpchen blinken, die Bodengoldfolie glitzert, der Vorhang spannt sich rot und weiß – eine breit gestreifte Beleidigung für jedes Auge, ausgenommen Freunde der Baumarktmarkise. Ein Theaterstück, das freiwillig in so einem Ambiente spielt, das kann nur schrecklich oder schrecklich lustig sein. Ausgenommen ein Stück von René Pollesch. Das ist dann schrecklich klug und schrecklich lustig zugleich.
Bisher trotzt dieser Autor-Regisseur dem Risiko der Überproduktion, indem er das
Pollesch-Typische erstens geschickt variiert und zweitens mit seinen Texten quer durch die Stadttheaterlandschaft hetzt. Vorgestern WienMünchenBerlinFrankfurt, gestern Freiburg und heute Zürich. «Fahrende Frauen» heißt das Stück, aber das ist nebensächlich, hier geht’s nicht um Zigeunerinnen, hier geht es um die Kreativindustrie.
Die kleinen Schauspieler in ihren Zürcher Zwergenhäusern, die Bert Neumann original-
getreu auf die Pfauenbühne gewürfelt hat, sie streiken. Also müssen die großen Schauspieler überbrücken, Lilith Stangenberg, Carolin Conrad, Franz Beil, am besten mit Thornton Wilder, «Unsere kleine Stadt». Da schubsen sie sich nach draußen, auf die Bühne, zwangsweise, in Buster-Keaton-Manier, dabei ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2011
Rubrik: Chronik, Seite 77
von Stephan Reuter
Schade, dass es an diesem Premierenabend keine Liveschaltung in Frank Castorfs Gedanken gab. Zu gerne hätte man gewusst, ob der Intendant seinem ehemaligen Schauspieler Herbert Fritsch den Erfolg gönnt und seinem Haus endlich mal wieder ein enthusiastisch gestimmtes Publikum, ob er im Angesicht der Klamotte in ihrer reinsten Form erstarrte oder sich gar selber...
Wahrscheinlich geht es nur noch als Popsong: Wenn Lena Schwarz in den Bochumer Kammerspielen zur Jungfrau von Orléans anhebt, der Liebe und dem gesunden Landleben entsagt, um als eiserne Jungfrau mit höherer Botschaft Frankreich zu retten, dann steht sie links vorne an der Rampe, spricht und schnauft in ein Mikro, mischt sich selbst mit Echoschleife in einen...
Die Nasszelle als Ursprungsort epochaler Ereignisse rückt zusehends in den Fokus. «Karrieren werden beim Pinkeln gemacht», erklärte Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger kürzlich auf «Spiegel online». Auch Friederike Heller versammelt die Jungs um Revolutionsführer Jean Paul Marat aus Peter Weiss’ «Marat/ Sade» in einer klinischen Edelbadeanstalt (Bühne: Sabine...
