Lebenszyklus eines Zynikers

Patrick Marber «Howard Katz»

Theater heute - Logo

Man kennt diese Typen. Kaum im Job aufgestiegen, richten sie sich und andere mit zynischer Zerstörungs­lust und gehörigem Selbst- und Lebens­ekel – weil sie erkennen, dass sie sich komplett verkauft haben – zu Grunde. Dabei sind sie natürlich nur auf der ver­zweifelten Suche nach einem Selbst, das in der allgemeinen universalen Käuf­lichkeit zwangsläufig irgendwo auf der Strecke geblieben ist.

Patrick Marbers neuester Held Howard Katz scheint erst am Ziel angekommen, als er mit der Wodkaflasche auf der Parkbank liegt (wo das Stück beginnt und endet) und alles verloren hat, was ihm verachtungswürdig oder gleichgültig geworden ist, sein Job als zweitklas­siger Agent im Showbusiness, Frau und Kind.

Der fünfzigjährige Jude Katz steckt in einer ziemlich üblen Midlife-Crisis, die, wie er bemerkt, «größer ist als ich». Wie alle Zyniker ist er ein gescheiterter Moralist, den die Verkommenheit und Leere seines Metiers anekelt, der nach neuen Werten sucht und von dem Wunsch nach «Leben» getrieben ist. Verblüffend und neu ist, dass sein mehr oder weniger selbstprovozierter sozialer Abstieg, seine zunehmende Isolation nicht mit einem defätistischen Nihilismus korrespondieren (wie bei seinen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2007
Rubrik: Chronik, Seite 43
von Natalie Bloch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Am katholischen Marterpfahl

Die Wände bilden ein Kreuz – ein metallisch kalt schimmerndes. Die fahrbaren Elemente dieses Drehkreuzes werden in den häufigen Szenenwechseln von jungen schlanken Mädchen verschoben wie Uhrzeiger, die das Vergehen der Zeit und ewige Sisyphos-Anstrengung symbolisieren. In den Ni­schen der vier wuchtigen Streben (Büh­ne Christof Hetzer) wohnen, als wären es...

Aus der Welt gefallen

Die Angst, aus dem Zusammenhang zu fallen, plötzlich in der Luft zu hängen, fremd im eige­nen Leben, ist wohl eines der am besten verdrängten und doch mächtigsten Traumata unse­rer hypervernetzten Gesellschaft. Wie besessen klam­mern wir uns an die Fetische der totalen Kommuni­kation, wollen ständig online und erreichbar sein, doch hinter all dem lauert die latente...

Streng und monströs

Zwischen Innen und Außen, Gefühl und Welt: ein Abgrund. Selbstwahr­nehmung und Welterfassung klaffen auseinander. Kleists «Penthesilea» ist das Drama dieses Missverhältnisses. Das Dokument einer hypertrophen Triebbewegung, die sich absolut setzt, eine verzweifelt arrogante Feier der maßlosen Innerlichkeit. An solch stren­ger Monstrosität scheitern alle...