Klein-Adolf oder Zur Rolle der staatlichen Dienste
Als Autor und Regisseur habe ich das Privileg, für meine Arbeiten viele Monate, manchmal sogar Jahre zu recherchieren. Ich arbeite mich an verschiedenen Punkten gesellschaftlicher Erfahrungssedimente ab. Es handelt sich bei diesen Arbeiten um den Versuch einer Tiefenbohrung, bei der ich die Treibsätze von bestimmten Ereignissen, ihre historischen, privaten und öffentlichen Bedingtheiten freilegen möchte. Heute möchte ich Sie zu einer Reise in diese Bohrzone einladen, sie führt nach Zwickau – zu den Wurzeln rechtsextremistischer Gewalt und der Rolle der staatlichen Dienste.
Doch zunächst zu den Fakten: Die drei Mitglieder der Zwickauer Zelle sind dem Thüringer Verfassungsschutz bereits seit Mitte der 90er Jahre bekannt. Ins Zentrum der operativen Maßnahmen rückten Mundlos und seine Mitstreiter mit ihrem Engagement im Thüringer Heimatschutz. Das hat einen naheliegenden Grund: Tino Brandt, der Gründer des extremistischen Verbandes, hat als V-Mann Informationen über das Trio an das Amt weitergegeben.
Tino Brandt beginnt 1997, den Thüringer Heimatschutz mit Mitteln des Landesamtes für Verfassungsschutz aufzubauen, mehr als 200.000 DM will er in diesen Jahren an Zuwendungen des Amtes ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2012
Rubrik: Essay, Seite 36
von Andres Veiel
Ganz Charlottengrad ist auf den Beinen. Mit Pelzkrägen, High Heels und Dekolletés, die tief zwischen hochgeschnürte Brüste blicken lassen. Mit Kussmündern, vielleicht nachgespritzt, und reichlich blauem Lidschatten. Überhaupt, mit Farbe! Kurvenschmeichelndes Grün, frivoles Pink und leuchtendes Sonnengelb, passend zur nachtschwarz gefärbten Haarpracht. Dazu...
Den 17. Oktober 2006 dürfte der Regisseur Frank-Patrick Steckel in unguter Erinnerung behalten. Der immer streitbare Regiekünstler, berufslebenslang an den dunklen Ecken der Aufklärung interessiert, war in besonders dämmriges Gelände geraten, nämlich die Jagdgründe des Berliner Finanzamts Zehlendorf.
Im Kern ging es um die Frage, ob ein freischaffender Regisseur...
Der Inhalt von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück «Das fliegende Kind» lässt sich in einem Satz nacherzählen: Es war einmal ein Mann, der hat seinen Sohn überfahren.
Im Zentrum des Dramas steht also eine Katastrophe, die so ziemlich den schlimmsten Alptraum von Eltern darstellt. Es ist eine alltägliche, vollkommen sinnlose Katastrophe. Niemand hat – im...
