Blättern statt Klicken
Sie knistert verheißungsvoll bei jeder Berührung, braucht Raum – mindestens einen Sitzplatz in der U-Bahn, besser noch eine Ecke im Café –, um sich genüsslich aufzublättern und verströmt das unvergleichliche Aroma von frischem Papier, Druckerschwärze und gut gewürzter Geistesnahrung. Bei den Kindern der Post-Gutenberg-Ära könnte eine derartige Beschreibung bald nur noch ahnungsloses Achselzucken auslösen.
Und selbst wenn der immer wieder an die Wand gemalte Niedergang der Printmedien verglichen mit Finanz-, Klima- und anderen Katastrophen eher marginal erscheinen mag und der Ruf nach öffentlich-rechtlichen Rettungsschirmen ebenso aussichtslos wie politisch prekär, bedeutet es doch einen schleichenden Verlust von Lese- und Lebensqualität, der mit dem drohenden Zeitungssterben einhergeht und in erster Linie die Schreiber, in zweiter die Beschriebenen, aber letztlich auch die Leser trifft. (Wohinter, bitteschön, soll man sich als Morgenmuffel am Frühstückstisch sonst verstecken?)
Nahkampf um Flächen
Dabei ist es gar nicht so sehr der Untergang einzelner großer Tanker wie der «Frankfurter Rundschau» oder der «Financial Times Deutschland», sondern vielmehr der kontinuierliche Abbau ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2013
Rubrik: Magazin: Theaterkritik, Seite 70
von Silvia Stammen
Wer zuhause eine Hölderlin-Ausgabe im Regal stehen hat, lebt gefährlich. Könnte passieren, dass plötzlich ein gutes Dutzend Ordnungshüter im schweren Antiterror-Outfit durch die Haustür drängeln, Nebelgranaten werfen, Maschinenpistolen schwenken und dann die Einrichtung mit viel Liebe zum Detail in Kleinholz verwandeln. Nach zehn Minuten ist das elegante Apartment...
Angehängt an Wolfram Lotz’ Theaterstück «Der große Marsch» ist eine frisch delirierende «Rede zum Unmöglichen Theater», die man jedem Schauspielschüler, dem sie nicht sowieso schon aus dem Herzen spricht, an den Garderobenspiegel pinnen möchte. Es geht los mit «Die Würstchen der Wahrheit, die für uns gebraten werden, wollen wir nicht mehr essen!», dann verflucht...
Am Schluss steht Galilei mit geröteten Augen, geschlagen, apathisch. Für die große Selbstanklage, die Brecht dem Sternenforscher, der vor der Inquisition einknickte, in der letzten Fassung des «Leben des Galilei» beigelegt hat, reicht es nicht mehr. Stattdessen schöpft Galilei sein persönliches Bekenntnis aus jener Szene, in der er den kleinen Mönch zur Astronomie...
