Weiß und schwarz
Wer zuhause eine Hölderlin-Ausgabe im Regal stehen hat, lebt gefährlich. Könnte passieren, dass plötzlich ein gutes Dutzend Ordnungshüter im schweren Antiterror-Outfit durch die Haustür drängeln, Nebelgranaten werfen, Maschinenpistolen schwenken und dann die Einrichtung mit viel Liebe zum Detail in Kleinholz verwandeln. Nach zehn Minuten ist das elegante Apartment zerlegt, und die Bühnentechnik braucht die nächste halbe Stunde, bis der teure Schrotthaufen abgeräumt ist.
So geschehen jüngst in der Schaubühne, wo Romeo Castellucci Hölderlins «Hyperion» auf der Eintrittskarte als «Briefe eines Terroristen» bezeichnet und zur Bestätigung die schweren Jungs vom Rollkommando anrücken lässt.
Dabei gibt es nichts Harmloseres als «Hyperion», Hölderlins schwärmerischen Briefroman, in dem sich der schwäbische Hauslehrer in höchsten Tönen in ein idealisiertes Griechenland träumt, wo er eine neue Mythologie aus Naturschönheit und Kunstreligion herbeiraunt: eine ideengeschichtlich skurrile Mischung aus altfränkischem Pietismus, frühromantischer Griechenliebe und spinozistischem Pantheismus.
Davon kann sich jeder überzeugen, der nach der frühen Pause in den Saal zurückkehrt. Der Raum ist ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Franz Wille
Nein, man muss Dinge nicht selbst erlebt haben, um darüber zu schreiben. Nach allem, was man weiß, hat Shakespeare nie im Wald gelebt, Goethe hat kein Kind getötet, und Brecht war kein Gangster. Wieso also überhaupt einen Gedanken an die Frage verschwenden, ob eine 18-Jährige, die ein – vor allem auch sprachlich – höchst bemerkenswertes Stück über Kindsmissbrauch...
Zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen beschenkt die britische Kult-Physical-Theatre-Gruppe «Told by an Idiot» sich und die insulare Theaterwelt mit einer wunderbar skurrilen neuen Produktion. «Idiot»-Veteran Paul Hunter kickstartet «My Perfect Mind» in weißem Kittel, Walle-Perücke und perfektem Deutsch. Besonders Letzteres für einen Engländer eine grandiose Leistung:...
Weiß, oval, eng und weit. Es ist ein Raum irgendwo zwischen White Cube und Gladiatorenarena, den sich Sebastian Hartmann zum Ende seiner Intendanz für seine Leipziger Festspiele ins Centraltheater gestellt hat. Ein Totaltheater, dem nicht nur die Stühle des Zuschauerraums, sondern auch der Deckenleuchter einem riesigen Scheinwerfer weichen musste. Bis zu 200...
