Psychologie der Masse
Wer gibt den Befehl? Gott! Wer führt ihn aus? Wir! – Die Rede ist von einem Befehl zu einem Mord, der im Namen des Herrn, für eine cause sainte verübt werden soll. Erteilt wird er in der Oper eines Komponisten, den seine Familie für einen «Schwarzseher» hielt: in «Les Huguenots» von Giacomo Meyerbeer. Wie beim Ritual einer Schwarzen Messe lassen sich fanatische Katholiken die Schwerter zum Meuchelmord an den Hugenotten weihen – vor der Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572.
Die Geschichte des einzigartigen Erfolgs von Meyerbeers chef d’œuvre – die Oper wurde nach der Uraufführung (1836) bis 1903 in Paris 1000-mal gespielt – ist ebenso bekannt wie die der politischen Verdrängung und, bis auf den heutigen Tag, der ästhetischen Abwertung der Grand Opéra als Genre. Man erleichtert sich diese Verwerfung mit dem Vorbehalt, dass die Partien, die Meyerbeer für Cornélie Falcon (Valentine), Adolphe Nourrit (Raoul) und Nicolas-Prosper Levasseur (Marcel) geschrieben hat, heute ohnehin nicht adäquat besetzt werden können.
Umso erstaunlicher, dass Aufführungen an zwei Stadttheatern – in Kiel und Würzburg – diesen Einwand zumindest relativieren, ja ihn durch ihren mitreißenden ...
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Opernwelt November 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jürgen Kesting
Man gibt sich weltoffen an der Oper von Wuppertal – einer Stadt, in der ein Drittel der Bevölkerung von Migranten abstammt, Tendenz steigend. Im Saisonheft lächelt ein schwarzes Mädchen mit blauen Augen in die Kamera des Reportagefotografen Jens Großmann, eine Frau steht vor den Trümmern ihres sturmzerstörten Hauses auf den Philippinen, Erdbeben in Kaschmir, Spuren...
Heute fragt man sich: Wo war damals das Problem? 1977, als der ORF, also das österreichische öffentlich-rechtliche Fernsehen, die «Staatsoperette» sendete – und ein Sturm der Entrüstung losbrach. Casus belli war ein Film von Franz Novotny, mit starkem Musikanteil. Man könnte auch von einer Fernsehoper sprechen. Es handelte sich um eine zugegeben etwas zugespitzte...
Seid ihr alle da? Wenn es das richtige Lockmittel gibt – klar! Wodka satt zur Realitätsverschleierung, Wein im Tetrapack und ein Kasperletheater, das das Spiel der Mächtigen zur Harmlosigkeitsgroteske zusammenschnurren lässt. Alle Opernfiguren sind anfangs doppelt vertreten, geführt von ihren realen Sängern. Sogar ein Krokodil gibt es, das aus dem Hinterhalt ein...
