Aus der vokalen Linie
Das Arien-Album an sich ist im 21. Jahrhundert eine antiquierte Angelegenheit. Hinzu kommt, dass es Gefahren birgt. Ohne den szenischen Zusammenhang, das nicht mehr in dramatischem Kontext verankerte Solo drohen unter Studiobedingungen die Verstärkung vokaler Eigenarten und ein pauschaler Zugriff auf musikalische Affekte. Das wäre – ebenso pauschal – das Resümee, zu dem man bei Anna Netrebkos «Verismo»-Veröffentlichung kommen könnte. Was nicht dem ganzen Bild entspricht.
Die Russin hat die Anthologie veristischen Opern gewidmet; obwohl streng genommen Komponisten wie Arrigo Boito und Amilcare Ponchielli nicht dazugehören, allenfalls als Antizipierende gelten können; auch Giacomo Puccinis Werk, das hier den Hauptanteil einnimmt, hat mit dem literarischen italienischen Verismo wenig gemein. Sich darauf beziehende Opern sind durch bestimmte stilistische Merkmale der Wirklichkeitsdarstellung geprägt, in denen Gefühlsausschläge durch Stoffe und Motive (Gewalt, Sexus, seelische Grausamkeit, Sadismus etc.) ins Extrem getrieben werden. Das verführt Sänger (mehr als Sängerinnen) zu vokalen Untugenden, Überzeichnungen wie Schluchzern und Seufzern. Diese Falle umgeht Netrebko, obwohl sie sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 35
von Götz Thieme
Wer gibt den Befehl? Gott! Wer führt ihn aus? Wir! – Die Rede ist von einem Befehl zu einem Mord, der im Namen des Herrn, für eine cause sainte verübt werden soll. Erteilt wird er in der Oper eines Komponisten, den seine Familie für einen «Schwarzseher» hielt: in «Les Huguenots» von Giacomo Meyerbeer. Wie beim Ritual einer Schwarzen Messe lassen sich fanatische...
«Alceste»
Einfachheit, Natürlichkeit und Wahrheit waren die Prinzipien, die Gluck der Gesangsakrobatik und Intrigendramaturgie der barocken Opera Seria entgegenstellte. Diese aus dem Geist der aufklärerischen Ästhetik neu belebte Utopie einer Wiederherstellung der antiken Tragödie hat er in keiner seiner Wiener Reformopern konsequenter verfolgt als in der 1767...
Obwohl Heliogabalus nur knapp vier Jahre Kaiser war und – nach allem, was wir wissen – kaum besser als seine Vorläufer und Nachfolger im zerfallenden römischen Reich, sorgt er bis heute bei Künstlern und Historikern immer wieder für Aufregung und Anregung. Er war eben nicht nur dekadent, sondern auch jung, schön und pervers. Größenwahnsinnig, korrupt und ein Mörder...
