Psychologie der Masse
Wer gibt den Befehl? Gott! Wer führt ihn aus? Wir! – Die Rede ist von einem Befehl zu einem Mord, der im Namen des Herrn, für eine cause sainte verübt werden soll. Erteilt wird er in der Oper eines Komponisten, den seine Familie für einen «Schwarzseher» hielt: in «Les Huguenots» von Giacomo Meyerbeer. Wie beim Ritual einer Schwarzen Messe lassen sich fanatische Katholiken die Schwerter zum Meuchelmord an den Hugenotten weihen – vor der Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572.
Die Geschichte des einzigartigen Erfolgs von Meyerbeers chef d’œuvre – die Oper wurde nach der Uraufführung (1836) bis 1903 in Paris 1000-mal gespielt – ist ebenso bekannt wie die der politischen Verdrängung und, bis auf den heutigen Tag, der ästhetischen Abwertung der Grand Opéra als Genre. Man erleichtert sich diese Verwerfung mit dem Vorbehalt, dass die Partien, die Meyerbeer für Cornélie Falcon (Valentine), Adolphe Nourrit (Raoul) und Nicolas-Prosper Levasseur (Marcel) geschrieben hat, heute ohnehin nicht adäquat besetzt werden können.
Umso erstaunlicher, dass Aufführungen an zwei Stadttheatern – in Kiel und Würzburg – diesen Einwand zumindest relativieren, ja ihn durch ihren mitreißenden ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jürgen Kesting
«Alceste»
Einfachheit, Natürlichkeit und Wahrheit waren die Prinzipien, die Gluck der Gesangsakrobatik und Intrigendramaturgie der barocken Opera Seria entgegenstellte. Diese aus dem Geist der aufklärerischen Ästhetik neu belebte Utopie einer Wiederherstellung der antiken Tragödie hat er in keiner seiner Wiener Reformopern konsequenter verfolgt als in der 1767...
Der Hase, lepus, leporis. Der Deutschen liebstes Tier. Zumindest an der Wand. Als Kopie von Albrecht Dürers Aquarell hängt er in tausenden Haushalten von Garmisch bis Flensburg, ringt mit den «Betenden Händen» des nämlichen Künstlers um Platz eins auf der Beliebtheitsskala. Er gilt als Symbol für Lebenskraft, sexuelle Energie und Fruchtbarkeit, steht aber auch für...
Meyerbeer als Komiker – das ist eine Vorstellung, an die sich vermutlich auch jene Generationen nicht gewöhnen werden, bei denen der Grand Opéra-Meister wieder durchgesetzt sein könnte. So war es ein mutiger Schritt, den Meyerbeer-Zyklus an der Deutschen Oper Berlin – szenisch angestoßen durch den monumentalen «Vasco da Gama» – mit Meyerbeers vorletzter Oper...
