Zum Glühen bringen
Wo liegen die Grenzen der Kunst? Gibt es überhaupt etwas «außerhalb» von Kunst? Kunst ist frei. Ist sie vielleicht so frei, dass keine Definition sie erwischen kann? Um darüber nachzudenken, wann Kunst sich nicht mehr Kunst nennen darf, wäre ja vorerst tatsächlich zu klären: Was ist denn Kunst? Ich muss an meinen Patenonkel denken, der auf die Frage: «Was ist Tragik?», antwortete: «Weeßte, meene Kleene, bei die Fraje übakommt mich ümma son jewisset Unbehajen ...» – Ja, man ahnt bei der Frage das bevorstehende Scheitern, sollte man sich an einer Antwort versuchen.
Die Sehnsucht nach einer Formel für Kunst ist so gewaltig, dass sie zum Verzweifeln taugt; steht doch ein hungernder Kunstmarkt fingernagelkratzend vor der Tür auf der Suche nach bestem frischem Fleisch, erhoffen sich doch so viele Kreative, endlich etwas Relevantes hervorzubringen, um ihre bisherige Bedeutungslosigkeit für immer verblassen zu lassen. Es ist ein hartes Brot. Die Kunst. So viel ist sicher. Da ich auf meinem persönlichen künstlerischen Zweifelbrot lieber still und heimlich herumnage, werde ich nicht aus der erschaffenden, sondern aus der beobachtenden Position heraus versuchen, den verfluchten Begriff der ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Kunstfreiheit, Seite 115
von Daniela Löffner
Was keine Kunst ist, ist ja längst geklärt. Rolltreppe fahren ist keine Kunst. Wändegucken ist keine Kunst. In die Schirn gehen ist keine Kunst. So steht es, bunt auf Beton, seit 2003 groß im Frankfurter U-Bahn-Ausgang «Dom/Römer» an den Wänden, auf die guckt, wer die Rolltreppe hochfährt, um in die Schirn zu gehen. (Oder in den Frankfurter Kunstverein, ins MMK,...
Der Dramatiker Ferdinand Schmalz liebt Humor und bildhafte Spielorte. So wundert es kaum, dass nach dem Butterberg hinter der Molkerei, dem sumpfigen Urgrund eines Einkaufsparadieses und dem Unfallchaos an einer Raststätte in seinem neuen Drama ein überflutetes Thermalbad zum Gesellschaftsbild unserer mittels Wellness und Körperkult weichgespülten Wirklichkeit...
Ich schreibe aus Rache», bekennt die spanische Autorin, Regisseurin und Performerin Angélica Liddell. Aus Rache an ihrer Familie, dem Patriarchat, den Gewaltmechanismen der Gesellschaft. Medium dieser Rache sind Liddells inzwischen legendär gewordenen Hassmonologe, und ihre Waffe ist Liddells eigener Körper. Mit Impuls und Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs...
