Versager fliegen raus
Sei’s die bayrische Provinz oder die amerikanische Vorstadt, ersticken kann man in beiden. Rigide Wertesysteme prägen diese Welten, und deren Anforderungen genügt eine ganze Reihe Menschen nicht. Sie werden zu Randständigen, zu Außenseitern. Der Bühne als Spiegel der Gesellschaft kommt das entgegen, denn der Blick aufs Ganze ist vom Rand aus bekanntlich klarer. Die beiden Produktionen, die am Zürcher Schauspielhaus den Saisonauftakt markieren, widmen sich der Gesellschaftsanalyse von der Seite – mit einem Griff ins Bücherregal der klassischen Moderne des letzten Jahrhunderts.
Barbara Frey holte sich in der Probenzeit für ihre Auftaktinszenierung Anschauungsmaterial im Zoo. Sie habe mit den Schauspielern Gorillas beobachtet, erzählte die Zürcher Intendantin kurz vor der Premiere. Und wie eine Horde (menschlicher) Tiere harren die Schauspieler zu Beginn denn auch ergeben dessen, was in Marieluise Fleißers «Fegefeuer in Ingolstadt» noch passieren wird. Gottfried Breitfuss ist als Berotter ein bereits sichtlich angeschlagener Rudelältester. Er zuckt hilflos mit den Beinen, sitzt zuoberst auf einer kleinen Plattform, die aus der Bühnen-Wand herausragt. Neben ihm wartet die Brut. Bald ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Amour fou im mittelalterlichen Spanien: Der erotisch wenig versierte, durch lange Ehe abenteuerlustig gewordene König Alfonso VIII. trifft auf ein unschuldiges und zugleich ganz schön kokettes Mädchen, die junge Jüdin Rahel. Obwohl der König eigentlich jede Menge zu tun hat – es droht Krieg gegen die Mauren –, zieht er sich mit ihr auf sein Lustschloss zurück. Als...
Der Anfang des Fünfteilers ist für Polen eine Schmerzstelle: «Wir lagen zwischen Moskau und Berlin ... Zweitausend Kilometer weit Berlin / Einhundertzwanzig Kilometer Moskau», denn das besetzte Polen kommt in Müllers Stück über die Spur der Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg mit keiner Silbe vor. Im Teatr Polski wird diese Eröffnung unzählige Male wiederholt und auf...
Koloniale Zustände!», schnaubt Mutter Karin gutgelaunt angesichts des selbstverständlich unterbezahlten und ausgebeuteten lettischen Au-pair-Mädchens Luize im Garten ihrer Tochter. Luize allerdings räkelt sich gerade im roten Bikini hingebungsvoll am Bio-Teich, vor der Nase Zizeks «Auf verlorenem Posten» aus dem Bücherregal ihres Gastvaters. Macht nichts: Karin...
