Unangenehme Wahrheiten
Cornelia Koppetschs «Die Gesellschaft des Zorns» ist nicht das erste Buch, das den Rechtspopulismus erklären will. Es vermisst detailreich die sozioökonomischen Veränderungen und den kulturellen Wertewandel, der in den letzten Jahrzehnten die westlichen liberalen Demokratien erfasst und zu den bekannten Konsequenzen geführt hat.
Auch Koppetsch findet in Globalisierung und Neoliberalismus den Brandbeschleuniger von Entwicklungen, die zur rasanten Zunahme von Ungleichheit, der Erosion von gesellschaftlichem Zusammenhalt, zu Illusionen von vergangener Ordnung, Fremdenfeindlichkeit und schließlich dem Erstarken der neuen Rechtsparteien geführt haben.
Der Umbruch von der fordistischen Industriemoderne zur hochindividualisierten Spätmoderne mit ihren Freiheitsgewinnen, aber auch Wettbewerbsverschärfungen, Kreativitätsimperativen und wachsenden Unsicherheiten hat zu einer neuen gesellschaftlichen Trennlinie geführt: Auf der einen Seite diejenigen, die zu den Gewinnern von Bildungsexpansion und Transnationalisierung gehören, den kosmopolitischen Eliten einer hochmobilen neuen Wissensökonomie, und auf der anderen Seite die bunte Allianz der Verlierer, die sich aus einem neuen ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Büchermagazin, Seite 44
von Franz Wille
Selten so einen gründlich desillusionierten Odysseus gesehen: Die fahlen Furchen im unrasierten Gesicht von Jörg Pose erzählen nichts von griechischer Größe, sondern nur von Müdigkeit, Entbehrung und einer Sorte von Gedanken, die sich ausschließlich noch mit dem Überleben beschäftigt. Der Körper in seiner grobgepixelten Fantasie-Militärkluft steht zwar gerade,...
«Tut mir leid»: Das sind die ersten Worte in Alice Birchs «Anatomie eines Suizids». Clara (Julia Wieninger) hat versucht, sich umzubringen, und weil ihr Mann (Paul Herwig) das weniger mit Mitgefühl als mit Vorwürfen kommentiert, flüchtet sich Clara in die Entschuldigung. «Tut mir leid», der Satz wird noch mehrfach fallen, bei Claras Tochter Anna (Gala Othero...
Lütten Klein ist eines dieser Rostocker Neubauviertel, deren Lage wir Innenstadtkinder bis weit in unsere Schulzeit hinein nie richtig zuordnen konnten. Irgendwo links oder rechts der Stadtautobahn Richtung Warnemünde. Wenn wir in den Jahren nach der Wende mit dem Fahrrad zum Strand nach Warnemünde fuhren, mussten wir zwischen den Plattenbauten von Lütten Klein...
