Überleben in der Kunst

Versuche mit Heiner Müller in Berlin: Amir Reza Koohestani gräbt im Deutschen Theater «Philoktet» wieder aus, Claudia Bauer vermengt an der Volksbühne «Germania Tod in Berlin» und «Germania 3»

Theater heute - Logo

Selten so einen gründlich desillusionierten Odysseus gesehen: Die fahlen Furchen im unrasierten Gesicht von Jörg Pose erzählen nichts von griechischer Größe, sondern nur von Müdigkeit, Entbehrung und einer Sorte von Gedanken, die sich ausschließlich noch mit dem Überleben beschäftigt. Der Körper in seiner grobgepixelten Fantasie-Militärkluft steht zwar gerade, wirkt aber trotzdem hängeschultrig schlaff, die Schrit­te sind mehr ein energiesparendes Schleichen als aufrechte Fortbewegung.

Und dann die Stimme: Kaum eine Spur mehr von Satzmelodie, stattdessen unerbittliches Raunen auf einem Ton, das Heiner Müllers Blankvers in emotionslos dahinratterndes Schlussfolgerungswesen überträgt. Die penibel eingehaltenen Zeilensprünge wirken wie erste unmerkliche Absencen. Dieser Mensch ist zur Maschine geworden – und er hat nicht den geringsten Spaß daran. 

Heiner Müllers «Philoktet» ist ein funkelnder Edelstein der Ausweglosigkeit. Geschrieben auf den Höhen des Kalten Kriegs, zu Beginn der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in der frühen, poststalinistischen DDR, entwirft er eine skrupellose Welt, in der das Überleben des Staa­tes alles rechtfertigt. Die Griechen unter Odysseus haben den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Sand im Getriebe

Ein Buch wie ihr Spiel, ein freies Schweifen, Assoziieren, sich treiben lassen: durchs Schöne und Schäbige, das Kleine und das Große, der Rittersporn so wichtig wie die Iphigenie, das Theater nur eine Lebens-Facette von vielen. Angela Winkler, das ewige Mädchen, die Unverwechselbare und Unberechenbare, hat keine Memoiren geschrieben, sondern mit Hilfe ihrer...

Leipzig: Nation als Zufallsprodukt

Deutschland ist eine unbeschriebene Landkarte, ein weißer Fleck zwischen Nichts und Nichts, ganz nah bei Detmold. Und auf diesem leeren Podest aus hellem Holz, das sich schräg nach hinten verlängert, lässt Dusan David Parizek den deutschen Urmythos Hermannsschlacht in der Kleistschen Version aufspielen. Das Figurentableau schrumpft dabei auf ein Kammerspiel...

Vorschau - Impressum (12/2019)

Gina Haller räumt mit allen Klischees auf, die man sich unter «Ophelia» vorstellen kann: das Porträt

Nicoleta Esinencu hat schon früh beschlossen, keine Auslandskarriere anzustreben, sondern in der Republik Moldau zu arbeiten. Ein Gespräch und der Stückabdruck ihrer neuesten Produktion «Die Abschaffung der Familie»

Wenn man im Theater vom «Mensch» spricht, sollte...