Leben im Schnelldurchlauf

Gob Squad «Before your very eyes» (Hebbel am Ufer 1)

Theater heute - Logo

«What are you looking at?», fragte der Leuchtkasten am lebensgroßen, rundum einsehbaren und von innen blickdicht verspiegelten Terrarium, in dem sich das Gob-Squad-Kollektiv beim Festival «reich & berühmt» im Jahre 2000 stundenlang selbst exponierte − als lebendes Tableau beim Dinner, mit schwarzer Netzstrumpfhose auf dem Flokati oder in tanzseliger Partystimmung: angewandte Theaterkritik des (medialen) Voyeurismus.


Im HAU 1 nun rückt das so simple wie kluge Setting «Before your eyes» in Bühnendistanz und präsentiert ein völlig neues Innenleben: Den durchsichtigen, aber selbst blinden Guckkasten bespielen nun sieben 8- bis 14-jährige belgische Kinder, und der Abend verspricht mit der charmant selbstironischen Geste eines bekannten Zaubertricks «a rare and magnificent opportunity to witness seven lives lived in fast forward …». Zu hören ist eine ungemütlich klare, freundlich unbeteiligte Bestimmerstimme, die die niedlichen Exponate im Zauberwürfel in ein Leben als Erwachsene hineinkommandiert. Und bei dieser lebensnahen Versuchsanordnung greift Gob Squad diesmal nicht nur zu Kamera und Videoscreens, sondern auch ganz tief in die Theaterklamottenkiste.

«Don’t stop me now. I’m having ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2011
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Anja Quickert

Weitere Beiträge
Alles wird anders: morgen

So schön wäre es, jemand anderes zu sein! Strategien zur Änderung des Lebens präsentieren zwei Zürcher Premieren: Am Schauspielhaus inszeniert Chefin Barbara Frey Anton Tschechows «Platonow». Für das Theater Neumarkt stellt Co-Leiterin Barbara Weber Luigi Pirandellos «Die Nackten kleiden» in einem Nachtclub auf die Bühne. Unzufrieden ist das Personal, dem sich die...

Lügengespinste

Sehr unbekümmert bekennt sich die 1974 geborene Autorin Juli Zeh dazu, auf dem Theater einfach moralisieren zu wollen: «Die Bühne erlaubt mehr klare Botschaft als der Roman», gibt sie etwa im Programmheft zum Besten – als wäre nicht gerade das Theater das Medium, in dem jede einzelne Äußerung an eine Figur gebunden ist. Die klingt in ihrem jüngsten Stück «203» dann...

Unter Mackern

Um die Droge auf ihren Reinheitsgehalt zu prüfen, ist eine Anfrage beim Nüchternsten geraten: beim Erzähltheoretiker des Realismus, Friedrich Spielhagen. Der setzte ab etwa 1860 in lebenslangem Kampf auseinander, wie ästhetisch peinlich es ist, wenn sich Erzähler erläuternd ins dargebotene Geschehen einmischen. Wer etwa sage «Hier sehen wir unseren Helden», gebe...