Lügengespinste
Sehr unbekümmert bekennt sich die 1974 geborene Autorin Juli Zeh dazu, auf dem Theater einfach moralisieren zu wollen: «Die Bühne erlaubt mehr klare Botschaft als der Roman», gibt sie etwa im Programmheft zum Besten – als wäre nicht gerade das Theater das Medium, in dem jede einzelne Äußerung an eine Figur gebunden ist. Die klingt in ihrem jüngsten Stück «203» dann folgerichtig manchmal wie eine Art Klappentext, als kompakte These einer der Figuren in den Mund gelegt: «Wir leben in einer Diktatur, die nicht durch Zwang, sondern durch Fürsorge und Entertainment bestimmt wird.
»
Mit den Vorgängen, die auf der Bühne zu sehen sind, hat der implizite Klappentext (den Zeh in ähnlichem Wortlaut auch in Interviews verwendet) verblüffend wenig zu tun. Wir sehen vier Personen in einem geschlossenen Raum, eben dem Raum «203». Eine von ihnen, die Thomas genannt wird, erwacht aus einem tiefen Schlaf oder einer Ohnmacht, die anderen drei behaupten, Thomas’ Frau und seine Schwiegereltern zu sein. Alle diese Identitäten sind anscheinend fiktiv, Thomas (Gunther Eckes) heißt in Wahrheit Daniel und ist Broker von Beruf, die anderen drei haben sich ihre Biografien erschlichen und Daniel die seinige ...
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Theater heute Juni 2011
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Martin Krumbholz
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