Kiel: Ein Sommernachtsträumchen
Es ist warm. Träge dreht sich der Ventilator, Ameisen bahnen sich ihren Weg durch die Küche, und Familie Sanchez, Großmutter, Mutter, Tochter, Freund der Tochter, schauen eine Telenovela, bis die Nachbarin die Waschmaschine anwirft und so die Stromspannung überfordert. Das war es dann bis auf Weiteres mit Sentiment, also setzt sich die Familie aufs Sofa und erzählt. Wie der Großvater einmal in einer Gewitternacht ein lang ersehntes Paket bekam. Wie das Paket dann aber vor allem wertlosen Plunder enthielt.
Wie dieser Plunder sich nach der ersten Enttäuschung aber als verzaubert erwies, ein Kugelschreiber, mit dem sich romantische Gedichte verfassen lassen, ein Glas, das nie leer wird, eine Perücke, die Flügel verleiht, und so weiter. Wie die Familie durch die Zauberei reich wurde und unglücklich, und wie der Zauber auch wieder verflog. Und wie die Familie schließlich in ihrem ärmlichen Apartment vor der Telenovela endete.
Roland Schimmelpfennigs «Die Straße der Ameisen» ist ein Märchen, genauer: eine Variante des Grimmschen Märchens vom Fischer und seiner Frau, in dem ein armer Fischer einen wundertätigen Butt fängt, der ihm Wünsche erfüllt, bis seine Frau zu gierig wird: ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2018
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Falk Schreiber
Mit Mitte 30 hat Mary Page Marlowe viel erduldet und nichts erreicht in ihrem Leben. Sie sitzt auf einer Bank, ein Therapeut durchlöchert ihre Ich-Blockade mit Existenzfragen, auf die sie keine Antwort kennt. Bis sich Marys stahlblaue Augen weiten. Und dann sagt sie, dass sie sich noch niemals für etwas wirklich entschieden habe. Eine namenlose Sehnsucht liegt frei...
Bei aller Verwandtschaft zum Diskurspop ist die wahre Qualität von Thomas Köcks Texten doch ihre emotionale Kraft und Dringlichkeit: Gesellschaftsreflektion und persönliches Anliegen sind untrennbar verquickt. Bisher am zwingendsten, am radikalsten ist ihm dies in «Paradies spielen» gelungen. Dabei ist die schmerzvolle Einsicht immer präsent, dass das Theater nicht...
An Rand der Innenstadt, direkt neben dem Kaaitheater, schiebt sich die monströse Glasnase einer ehemaligen Autofabrik auf den Square Sainctelette. Es handelt sich um die Speerspitze des gigantischen Gebäudes am Kanal Charleroi-Brüssel, in dem breite Auffahrten die einzelnen Etagen miteinander verbinden und Tageslicht durch Glasdächer fällt. Früher hat hier Citroen...
