Angstfreies Experimentieren
An Rand der Innenstadt, direkt neben dem Kaaitheater, schiebt sich die monströse Glasnase einer ehemaligen Autofabrik auf den Square Sainctelette. Es handelt sich um die Speerspitze des gigantischen Gebäudes am Kanal Charleroi-Brüssel, in dem breite Auffahrten die einzelnen Etagen miteinander verbinden und Tageslicht durch Glasdächer fällt. Früher hat hier Citroen gebaut, und auch heute ist der Bauherr französisch: Das Pariser Centre Pompidou will mit dem «Kanal» eine Brüsseler Filiale errichten und bestücken.
Während des Kunstenfestivals des Arts öffnete auch das zum Kunstmuseum gewandelte Autohaus seine Pforten und klebte sich in riesigen roten Lettern das Wort BRUT auf die Fassade. Allerdings nur, um sie in ein paar Wochen wieder zu schließen: Für die dauerhafte Kunstnutzung muss erst noch renoviert werden.
Während ein Teil der Kulturszene mit Argwohn auf das Pariser Franchiseunternehmen blickt (die 2 Millionen Kofinanzierung der Stadt hätte man besser in lokale Kunst- und Bildungsprojekte gesteckt, findet etwa Dirk Snauwaert, Direktor des Musée Wiels), hat das Kunstenfestival hier kurzerhand eins seiner vier Festivalzentren aufgeschlagen. Die melancholische Aura der ...
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Theater heute August/September 2018
Rubrik: Festivals, Seite 14
von Eva Behrendt
Ich möchte als Einleitung ein kurzes Stück aus René Polleschs Stück «Die Liebe zum Nochniedagewesenen» zitieren, weil sie in ungewohnter Klarheit auf den Punkt bringt, worum es in seiner Arbeit geht:
M: Hast du gerade Krise gesagt?
MC: Ja, Krise.
M: Aber du meintest Katastrophe.
MC: Nein. Ich meinte Krise.
S: Aber du stolperst von einer Katastrophe in die nächste!
MC:...
Einer galoppiert über die Bühne, erfasst vom Weltenjammer: «Eieieieiei!», ruft Arthur Romanowski, und sein grasgrüner Bademantel flattert hinter ihm her. Der junge Performer hat sich eine Aufgabe gestellt: Auf der Bühne möchte er «Irgendwas für irgendwen an irgendeinem Tag im Juni» tun. Doch natürlich soll dieses Handeln auch über das Theater hinausreichen, das...
In einer Ecke des klinisch weißen Bühnenraums von Ulrich Leitner sitzen sechs Personen in grauen Overalls zusammengedrängt auf einer Anklagebank und wirken ein wenig wie Mäuse in einem Versuchslabor. Um Versuche geht es an diesem Abend, um Experimente an Menschen bis zur jahrelang bürokratisch vorbereiteten und generalstabsmäßig durchgeführten Tötung von...
