Hilfssheriffs im Authentizitätsterror
Ich würde erstmal kühn behaupten, dass es mich als Wutbürger gar nicht gibt. Außer natürlich bei himmelschreienden Ungerechtigkeiten und Urbösem (Bankenskandale, Korruption, Atomproblematik, Dritte Welt und ein paar weiteren, insgesamt mindestens sieben Todsünden). Eine dieser sieben Todsünden sind die seit längerem grassierenden Zerr- und Zerfallsformen von Öffentlichkeit, Basisdemokratie und Partizipation.
Affirmativ weichgespült Wut auf den Wutbürger – jawohl, da könnte ich mich richtig reinsteigern, und wie ein echter Wutbürger finden, dass ich Recht habe, weil ich endlich mal so richtig echt wütend bin und ein echtechtes Gefühl in meiner ansonsten affirmativ weichgespülten Seele entdecke. Ja, ich habe richtige Wut auf die Wutbürger, und wäre ach so gern selber einer! Ist ja toll, wie wütend Heinz und Carla sein können! Die ketten sich sogar an einen Baum! Die haben Charakter! Und kriegen dann auch noch den französisch-surrealistischen Authentizitätsorden verliehen. Authentizität ist immer gut und schafft es mühelos, Argumente zu ersetzen. Mit Formen von bürgerlich-politischem Protest aber hat das nicht unbedingt viel zu tun. Der Wutbürger wählt stimmviehmäßig jahrzehntelang ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Joachim Lux, Seite 34
von Joachim Lux
Der Wutbürger ist sicher nicht die Rettung der Welt, aber so schlecht wie sein Ruf ist er
noch lange nicht. Nur was uns wirklich in Rage versetzt, werden wir auch ändern.
Sich empören ist nicht des Rätsels Lösung, aber ein vielversprechender Anfang. Deshalb wollten wir von Regisseuren, Schauspielern, Intendanten, Dramaturgen und Autoren wissen, was sie wirklich...
Immer wieder wird an einen Intendanten, so jedenfalls meine Erfahrung, der Wunsch herangetragen, etwas zu produzieren, wo man «so richtig doof ablachen» kann. Man fragt sich: Wo kommt dieser Wunsch her? Die Menschen, die es sich wünschen, über etwas «richtig doof abzulachen», könnten sich diesen Wunsch ja leicht erfüllen, indem sie in den Spiegel gucken....
Luton ist eine mittelgroße Stadt in Mittelengland. Die letzte Industrieproduktion schloss 2002 ihre Werkstore, allein der Flughafen mit den Starts der Billigflieger wächst. Luton wurde im II. Weltkrieg großflächig von deutschen Bomben zerstört.
Ein Sommernachmittag in Luton, eine Schülerin wird von ihrem Freund von der Orchesterprobe abgeholt. Der Freund ist ein...
