Helden der Geschichte
Bürgermeister Kruschkatz hat reiche Erfahrungen mit der historischen Wahrheit. Er hat sein Amt in Guldenberg, Christoph Heins DDR-Paradeprovinznest, 19 Jahre lang versehen, länger als jeder seiner Vorgänger und zur besten Aufbauzeit: von 1957 bis 1976. Er hat darüber seine Frau verloren, erst an seinen Widersacher Horn, dann an den Krebs, und er hat die deutschen Kleinstädter, mit denen er sich herumschlagen musste, gründlich durchschauen und verachten gelernt. Er war ein strammer Parteisoldat, was ihn im Gegensatz zu vielen seiner Genossen nie daran gehindert hat zu wissen, was er tat.
Ein Satz wie «selbst für erforderliche Schäbigkeiten gibt es eine Grenze» schließt gläubige Einfalt aus. Oder, noch besser: «Es ist unmöglich, dass ich mich lächerlich mache, wenn ich die Dummheiten begehe, zu denen mich mein Amt nötigt.» Sein Misstrauen hat er darüber in all den Jahren systematisch gegen sich selbst erweitert, weil ihm das menschliche Erinnerungsvermögen, sein eigenes eingeschlossen, viel zu unzuverlässig erscheint: «Es gibt keine Geschichte, denn soviel wir auch an Bausteinchen um eine vergangene Zeit ansammeln, wir ordnen und beleben diese kleinen Tonscherben allein mit unserem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Einmal sitzt Ada vorne auf dem Boden, dort kauert sie meistens, und murmelt wieder und wieder ihr Mantra: «Ich bin jetzt!» Eine vergebliche Beschwörung von Gegenwart. Die ist den Jugendlichen in Juli Zehs Roman «Spieltrieb» restlos abhanden gekommen. Sich wenigstens in Restbeständen spüren, das können sie nicht. Nach dem Verlust von Bindung, Werten, Zukunft ist...
Wusch. Die durch mindestens drei elektronische Fleischwölfe gejagte Version des Bee-Gee-Klassikers «Stayin’ alive» bläst dem Publikum fett ins Gesicht. Sie lässt die Bambusverkleidung der Bar erzittern, die Barbara Ehnes für «Die Vaterlosen» (nach Tschechows «Platonow») auf der Berliner Volksbühne errichtet hat, und sie fährt in die Glieder der urkomisch tanzenden...
TH Ihre Inszenierung von Feridun Zaimoglus halb-dokumentarischen Frauenmonologen «Schwarze Jungfrauen» am Berliner Hebbel am Ufer ist Ihre erste Theaterarbeit. Was hat Sie als Filmregisseur an die Bühne verschlagen?
Neco Çelik Shermin Langhoff, die Kuratorin des Projekts «Beyond Belonging – Migration» am HAU, kam auf mich zu. Sie hatte die «Jungfrauen»-Monologe bei...
