Biegen oder brechen?
Wusch. Die durch mindestens drei elektronische Fleischwölfe gejagte Version des Bee-Gee-Klassikers «Stayin’ alive» bläst dem Publikum fett ins Gesicht. Sie lässt die Bambusverkleidung der Bar erzittern, die Barbara Ehnes für «Die Vaterlosen» (nach Tschechows «Platonow») auf der Berliner Volksbühne errichtet hat, und sie fährt in die Glieder der urkomisch tanzenden Ureinwohner, die, von Scheitel bis Knie in braunes Bastfell gehüllt und mit kultischen Masken geschmückt, anbetend um Platonow wippen, den einzigen Gast am Tresen.
Zehn durchaus erhabene Minuten volle Dröhnung, dann wird der ganze Exotikzauber wieder abgebaut. So zeigt Stefan Pucher dem Publikum gleich zu Beginn seiner sehr freien Tschechow-Bearbeitung – den Mittelfinger.
Schließlich kann man mit Tschechow doch alles machen! Man kann ihn mit Samowaren verkitschen oder vor Videoscreens ausnüchtern, kann aus ihm die beschwipste Komödie herauskitzeln oder den Finger in die Wunde Stillstand legen, man kann ihm zeitdiagnostische Thesen unterschieben oder ihn frei in Raum und Zeit schweben lassen. Man kann Tschechow kürzen und fortschreiben, biegen und brechen – seine Figuren werden, allen inszenierten Atmosphären und realen ...
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