Jetzt! Oder nie

Bernhard Studlar nach Juli Zeh «Spieltrieb»

Theater heute - Logo

Einmal sitzt Ada vorne auf dem Boden, dort kauert sie meistens, und murmelt wieder und wieder ihr Mantra: «Ich bin jetzt!» Eine vergebliche Beschwörung von Gegenwart. Die ist den Jugendlichen in Juli Zehs Roman «Spieltrieb» restlos abhanden gekommen. Sich wenigstens in Restbeständen spüren, das können sie nicht. Nach dem Verlust von Bindung, Werten, Zukunft ist ihnen nichts Lohnenderes geblieben als der titelgebende Spieltrieb. 

Gerade mal 14 soll diese Ada sein, ein schwer erziehbares, aber hochbegabtes Kind aus guter und kaputter Familie im trügerisch idyllischen Bonn.

Von ihrer bisherigen Schule ist sie geflogen, weil sie einem Mitschüler die Nase mit einem Schlagring einschlug, einfach so. Auf der Privatschule «Ernst Bloch» führt sie sich mit den Worten ein: «Mir ist so, als sei dies ein Ort für wirklich kluge, wirklich kaputte, wirklich kategorische Menschen.» Also ein Ort für altkluge kleine Kröten wie Ada, die stolz ist auf ihre Kälte und durchdrungen von ihrer intellektuellen Überlegenheit, die sie zur arroganten Außenseiterin macht und dementsprechend anfällig für die Verführungskünste einer ähnlich kalten Schnauze, des 17-jährigen Alev: ein kühler Machtstratege, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2006
Rubrik: Chronik, Seite 34
von Barbara Burckhardt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Schnitt kann warten

Stars, Größen und Herren eines gewissen Alters bevölkern diesen Londoner Theaterfrühling. An Kevin Spaceys Old Vic Theatre inszeniert Filmveteran Robert Altman Arthur Millers vorletztes Stück «Resurrection Blues» mit Matthew Modine und Maximilian Schell. Ein paar Straßen weiter spielt am Donmar Warehouse Theatre Ian McKellen – Gandalf aus dem «Herrn der Ringe» und...

Praktische Ansichten

Von Ratten keine Spur. Alles sauber aufgeräumt auf diesem bühnenweiten Dachboden (Henrike Engel) mit ein paar ordentlichen Kostümhängern unter der neonbeleuchteten Schräge, einigen Kleiderpuppen und der akkuraten Stuhlreihe im Hintergrund, auf der das Ensemble Platz genommen hat und von wo es wie auf der Probe ins Stück springt. 

Hauptmanns Stück liest sich heute...

Von Katastrophe zu Allgemeinplatz

Der Originaltitel lautet «Scenes from the Big Picture», und das trifft das Stück-Werk des irischen Dramatikers Owen McCafferty weitaus besser als der deutsche Übersetzungsversuch mit «Ein Tag im Leben des Frank Coin». Der soll so etwas wie eine «runde Sache» versprechen, immerhin einen Anfang und einen Ausklang in einem freilich endlosen Kreislauf; die...