Heim zum Körper
Manchmal findet sich, wenn man müde ist von der immer weiter anschwellenden Flut «Szenischen Schreibens» hierzulande, ein Text, der richtig Theater sein will. Und als griffen wir nach langem wieder zum Märchenbuch, werden wir verzaubert, vom Unterbewussten heimgesucht, entführt, von Äxten, Dämonen und der eigenen Familie bedroht, fahren wir in schrottreifen Karren in Roadmovies ohne Automobil dem Permafrostboden Sibiriens entgegen. Juchuuuh! Unsere Herzen sind dann wieder aus Eis und Metall oder ein Loch in der Brust, die Bilder sind fette Gemälde, und über allem schwebt Gott.
Mit den Russen kommen wir heim, heim zum Körper. Ohne die deutsche Angst vor dem BILD, vor dem SYMBOL, vor der ROMANTIK. Heruntergerissen ist alles in die Gier, in die Erotik des Opfers, in die Darwinzeit. Menschen, rücksichtslos, scheinbar sinnlos agierend, mit allen Hunden gehetzt und mit ausreichend Spott begabt. Solch ein Stückchen ist «Juli» von Iwan Wyrypajew.
Darin morpht ein Körper sehr interessant über einen Monolog und wird am Schluss in einem Sarg abtransportiert. Der Körper ist selbstverständlich ein Gesellschaftskörper, der Sarg ist (natürlich) kein ordinärer, denn er steht in Archangelsk, und ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 182
von Uwe Bautz
Im Jahr 1968 war von «68» noch lange nicht die Rede. Solche historischen Großetiketten für Brüche und Epochen entstehen immer erst hinterher – dafür halten sie sich, einmal in der Welt, umso hartnäckiger. 40 Jahre später, nachdem 68 viele Siege errungen hat und viele Tode gestorben ist, nachdem es ausführlich gefeiert und leidenschaftlich verdammt wurde, lässt...
Die Frage nach der Darstellbarkeit von Historie im Drama bewegt seit den «Persern» von Aischylos die Zuschauer. Schon Aristoteles meinte, das Drama sei das tauglichere Mittel, Geschichte zu begreifen, als die Geschichtsschreibung. Es ist nicht an die Fakten gebunden, sondern kann die zentralen Widersprüche, die zum Gang der Geschichte führen, in ihrem menschlichen...
Zu den Frankfurtern und Frankfurt, wo Anne Müller seit fast drei Jahren lebt und Theater spielt, hat sie eine Theorie: zu viele Menschen auf zu wenig Platz. Deshalb wird so in die Höhe gebaut, sind die Bürgersteige so schmal, die Straßen so eng. «Das macht die Menschen hier so, wie sie sind. Es geht gar nicht ohne Rempeln. Man darf das nicht persönlich nehmen,...
