Eine Prise Camp
Der Blick geht in Richtung Schnürboden, da oben schwebt etwas. Ein Engel? Oder doch nur das Ozonloch? Wir schreiben das Jahr 1986, die westliche Welt bewegt sich zwischen Milleniumsangst und radikaler Selbstvergewisserung. Kalter Krieg, konservativer Backlash, Umweltzerstörung schaffen eine fiebrige Atmosphäre, in der der Ausbruch der Aids-Epidemie wie ein Fanal wirkt.
Tony Kushners 1993 veröffentlichtes New Yorker Gesellschaftspanorama «Engel in Amerika» wirft einen Blick auf diese Welt aus den Fugen: Louis trennt sich von Prior, weil er dessen langsames Sterben nicht aushält, der tief religiöse Rechtsanwalt Joe gerät in eine Glaubenskrise, als er sich eingestehen muss, Männer zu lieben, der konservative Strippenzieher Roy akzeptiert seine Erkrankung nicht, weil Krankheit in seiner Welt Schwäche bedeutet.
Das zweiteilige Stück wurde seinerzeit viel inszeniert, auch in Hamburg (als deutschsprachige Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus von Werner Schroeter). Mittlerweile gilt das Thema allerdings als durchdekliniert, spätestens seit eine Aids-Diagnose dank der Entwicklung der (teuren und mit starken Nebenwirkungen belasteten) Antiretroviral-Therapie kein automatisches ...
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Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Chronik, Seite 67
von Falk Schreiber
Vorab eine Warnung oder auch Entwarnung: Daniel Kehlmann fehlt im Register dieses Buches und mit ihm alle neueren Kombattanten und Kombattantinnen der immergrünen Werktreue-Debatte rund um die Grenzen (und Entgrenzungen) der Regie-Allmacht. Also alle von Peter Stein und Andrea Breth bis, sagen wir, Joachim Lottmann.
Überhaupt widmet sich Jens Roselt in seiner...
Eigentlich könnte man auch nur dieses Bühnenbild betrachten. Ein Schiff auf einem goldenen Meer unter einem goldenen Himmel, gediegen, vergangen, das gleiche Motiv auf allen Bildern einer Galerie. Da fühlt man sich sofort ohnmächtig. Weil das System so geschlossen ist. So gewaltig und erhaben. Und zugleich so offen. Weil dieses eine Bild durch seine Multiplikation...
Irgendwann werde ich einmal gehen müssen, hinaus oder hinüber», steht im liebevoll gestalteten Begleitbüchlein, das der Besucherin am Eingang zu Anna Peschkes Installation «Ophiopogon» in die Hand gelegt wird. «Dann wird es vielleicht dieses kleine berylgrüne Heftchen sein, das ein paar Menschen den Zugang zu meinen Welträumen ermöglicht. Sie können hierher...
