Die Verwaltung des moralischen Mangels

«Der Besuch der alten Dame» am Schauspielhaus Zürich und Darja Stockers «Nirgends in Friede. Antigone» am Theater Basel

Theater heute - Logo

Vier arme Teufel, aber nur eine Bank. Ein Bahnhof, aber kein Zug hält. Vierfache Armeteufelslust auf Nikotin. Aber nur eine Zigarette. Das ist Güllen im Dezember 2015, ein beliebiges Kaff, mit dorfüblichen Honoratioren als Platzhirschen. Bloß dass das Kaff aus widrigen Gründen vom Rest Europas abgekoppelt worden ist, die Honoratioren reichlich abgewetzt dreinblicken und sich mit Trainspotting begnügen, dem einzig sinnvollen Zeitvertreib in diesem Außenbezirk des ökonomischen und, wie sich herausstellt, auch des moralischen Mangels.

Für die Zigarette spendet der Polizist die Tabakkrümel, der Lehrer pult einen Filter aus dem Ohr, der Bürger Hofbauer hat noch einen Funken Feuer, und der Pfarrer muss Papier rausrücken, das dünne aus der Taschenbibel. «Altes oder Neues?», fragt er und reißt ein Blättchen aus dem Testament. Rauschware für die Bedürftigen.
Die vier armen Teufel wissen es nicht, aber das ist ein glücklicher Moment für Güllen. Mehr Glück liegt nicht drin in dieser Geschichte. Schon gar nicht, als «Der Besuch der alten Dame» naht und die Aussicht auf eine Milliarde Dollar den Zusammenhalt im Städtchen pulverisiert.

Korrumpierbare Gemeinwesen


Bald ist es 60 Jahre her, dass ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 11
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Köln: Die Schöne und der Knast

Eine schöne Mörderin, die ihre Ehemänner tötet, im Keller einbetoniert und im Gefängnis ein Kind bekommt, hat schon starkes Starpotenzial. In Ös­terreich füllte die Geschichte der «Eislady Esti» Klatschspalten und Feuilletons. Selbst der Schriftsteller Thomas Glavinic sprach nach einem Gefängnisbesuch fasziniert von ihren «bemerkenswerten Vibes» und «zarten...

Neue Orte: Temporäre Übernahme

Die neuen Orte mit der neuen Kunst, das ist auch so eine Schimäre. Die Kunst ist an diesen Orten immer «spannend». Man rennt diesen Orten hinterher und kommt nie bei ihnen an. Und weiß das sogar vorher. Aber die Schimäre bleibt. Das Rennen auch. Wahrscheinlich hat es was mit den eigenen Anfängen zu tun, als man irgendwo war, es aufregend fand, wieder hinging, es...

Die spinnen, die Griechen

Gesinnungsapplaus gehört derzeit einfach dazu in München: Als Gora aus dem riesigen «Welcome»-Trans­parent über der Bühne des Residenztheaters mit einer Malerrolle ein «We come» zaubert, ist es so weit, demonstratives Klatschen im Zuschauerraum. Dabei geht es zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr darum, Überzeugungen zu transportieren, höchstens noch um Trotz, denn...