Die spinnen, die Griechen

Am Münchner Residenztheater holt Anne Lenk «Das goldene Vlies» auf den dreckigen Boden europäischer Migrationspolitik, Ivan Panteleev entschwebt mit «Philoktet» in ferne Sprachsphären

Theater heute - Logo

Gesinnungsapplaus gehört derzeit einfach dazu in München: Als Gora aus dem riesigen «Welcome»-Trans­parent über der Bühne des Residenztheaters mit einer Malerrolle ein «We come» zaubert, ist es so weit, demonstratives Klatschen im Zuschauerraum. Dabei geht es zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr darum, Überzeugungen zu transportieren, höchstens noch um Trotz, denn Medea und ihre resolute Wegbegleiterin Gora (Katrin Röver) haben schon verloren. Ihre Ausweisung im sanften Licht eines gigantischen EU-Sternenkranzes steht kurz bevor.

Die Symbolik, mit der Regisseurin Anne Lenk und Bühnenbildnerin Judith Oswald «Das goldene Vlies» von Franz Grillparzer anpacken, ist überdeutlich – das kann nerven, gerade in solchen seltsam bekennerischen Momenten. Unter der Oberfläche der opernhaft großen Bilder liegt aber eine kluge, lebendige Reflexion des Mythos, erzählt aus einer Gegenwart her­aus, die die Vergangenheit nicht kennen will.

Unerträglich isoliert: Meike Drostes Medea

Medea und Familie kommen bei Lenk als Geflüchtete nach Korinth an den Hof des Kreon (Oliver Nägele). Dieser biografische Bruch lässt ihr ganzes bisheriges Leben, Wissen und Denken plötzlich seltsam unwichtig werden – außer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 8
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Daten

Aalen, Theater der Stadt
12. Vekemans, Gift ­– Eine Ehegeschichte
R. Tonio Kleinknecht

Altenburg/Gera, TPT

13. Lorca, Bluthochzeit
R. Akillas Karazissis (Altenburg)

Annaberg, Eduard-von-Winterstein-Theater

7. Shakespeare,
Der Widerspenstigen Zähmung
R. Tamara Korber

Augsburg, Sensemble Theater

20. Kaurismäki, I Hired a Contract Killer
R. Sebastian Seidel

Augsburg, Theater

6....

Die Fallen des Mitleids

Vor sechs, sieben Jahren war sie ein beliebtes Feuilletonthema und provozierte beträchtliche Abwehr: die immer wei­ter zunehmende Zuwendung zu Romanbearbeitungen auf deutschen Bühnen. Sie begann mit Castorfs Dostojewski-Stücken in den 90er Jahren und ist mittlerweile so allgegenwärtig, dass gar nicht mehr auffällt, dass nichts so sehr die Inszenierungslust...

Köln: Die Schöne und der Knast

Eine schöne Mörderin, die ihre Ehemänner tötet, im Keller einbetoniert und im Gefängnis ein Kind bekommt, hat schon starkes Starpotenzial. In Ös­terreich füllte die Geschichte der «Eislady Esti» Klatschspalten und Feuilletons. Selbst der Schriftsteller Thomas Glavinic sprach nach einem Gefängnisbesuch fasziniert von ihren «bemerkenswerten Vibes» und «zarten...