Der blöde Mensch
"Alles trocken." Die junge Kollegin kann nicht mehr weinen, seit sie den perfekten Moment erlebt hat, in dem sie beim Spielen selbst glaubte, sich und alle Zuschauer in ein anderes Sein befördert zu haben. Noch wundert sie sich, dass dieser Moment nicht wieder herstellbar ist – wie der Dornenauszieher in Kleists «Marionettentheater». Marcelline wundert sich schon lange nicht mehr, zu sehr ist ihr die Suche nach dem Wirklichen in der Kunst in Fleisch und Blut übergegangen, zu lange schon ist sie unterwegs zu dem ursprünglichen, dem unschuldigsten Impuls.
Ihr täglich Brot ist es, an der Frage zu scheitern, auf welche Art eine Figur die Tür öffnet. Da wird die Schauspielerin so dumm, dass sie nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, ob sie selber Links- oder Rechtshänderin sei. Zu groß ist die Anzahl der Möglichkeiten, zu vielschichtig die Optionen – wer weiß, wo der Schauspieler endet und die Figur beginnt? Und was ist in der Erfindung schon zwingend?
Zwingend sind die Fakten: Marcelline ist vierzig, allein und kinderlos. Ausgerechnet bei den Proben zu Turgenjews «Ein Monat auf dem Lande» wird ihr klar, dass sie ihre Blüte, an sich selbst vorbei, auf die Bühne gewuchtet hat. Emsig hat ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Mörderisch stark, tödlich verletzt - Wiebke Puls im Porträt
Clemens Meyer ist als Dichter mit Bierflasche in die jüngste Feuilletongeschichte eingegangen. Als der 1977 in Halle geborene Leipziger im März den Buchpreis der Messestadt erhielt, wurde er just in dem Moment fotografiert, als er im Siegestaumel die Pulle hochriss – die authentische Siegerpose des Kerls von der Straße, der sich längst mit Schmalzlocke, Brille und...
Ein Gespräch mit Jette Steckel, Barbara Weber, Sebastian Schug und Roger Vontobel über den Start in den Regieberuf, die Bedeutung von Netzwerken und die Unmöglichkeit, sich selbst als Label zu erfinden
Theater heuteTheaterregie ist kein ganz gewöhnlicher Beruf. Wundert man sich als junger Regisseur manchmal über sich selbst?
Roger VontobelJa, unbedingt! Mein Vater...
Am Vorabend seines Todes habe ich ihn zwischen vielen Menschen auf einer Premierenfeier getroffen und in sein durchwachtes Gesicht geschaut. Er fragte, was der Sinn des Lebens sei. «Wir brauchen Dich, Laurent!» – «Ist das der Sinn des Lebens, dass man gebraucht wird?», war seine Antwort. Je t'ai besoin – diesen Satz hat er selber einmal vertont, für den zweiten...
