Das Wir kehrt wieder
Ein Mann in bequemen Alltagsklamotten liegt, an die Wand des White Cubes gedrückt, auf dem Boden. An der gegenüberliegenden Wand beugt sich ein Tänzer nach unten, berührt mit gestrecktem Arm den Boden und streckt zugleich den anderen Arm nach oben, als wollte er die Spannweite seiner Arme messen. Eine Frau singt an der Rückwand des Raumes, und vorn erzählt gerade ein anderer Tänzer einer kleinen Gruppe von Leuten eine Geschichte, die er von Zeit zu Zeit mit kleinen Demonstrationen unterbricht.
Im Raum verlieren sich ein paar Betrachter, laufen, stehen, sitzen auf dem Boden oder an der Wand: Es dauert eine kleine Weile, bis plötzlich jemand bemerkt hat, dass ich eingetreten bin. Der junge Mann, der die Wand mit seinen Armen auszumessen schien, kommt näher und erklärt mir in verschwörerischem Ton, als verrate er dabei ein Geheimnis: «Wir müssen jemanden begrüßen!» Die drei gerade noch an den Wänden postierten Performer intonieren den Sound einer Sirene und laufen zügig in verschiedene Richtungen aus dem Raum. Sie kehren auf Händen und Füßen, den Gang von Wildtieren nachahmend, in den Saal zurück, stellen sich um den zu begrüßenden Neuling auf und sagen in deutscher und englischer ...
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Theater heute Januar 2014
Rubrik: Theorie, Seite 36
von Nikolaus Müller-Schöll
Huch, haben die sich verdruckt? «Christoph Schlingensief» steht in großen Lettern im Hof der Kunstwerke, und darunter nicht etwa seine Lebensdaten, sondern «1.12.13 – 19.1.14». Diese Ausstellung ist eben kein Grabstein, sondern der von Schlingensief zu Lebzeiten selbst mitinitiierte Versuch, das umfangreiche, abenteuerliche Werk des 2010 gestorbenen Regisseurs...
Der junge Mann ist wie aus dem Ei gepellt. Blütenweißer Anzug, einen Knopf zu weit geöffnetes Hemd, ein Hauch von Glanz am federnden Hosenbein. Die Zeiten der körperlichen Arbeit sind vorbei. Wo die türkischen Väter noch Paletten vom Großmarkt in den Gemüseladen schleppten, deklamieren die postmigrantischen Söhne zum spöttischen Zeitvertreib Kants «Kritik der...
Zurzeit schärfen die Atriden ihre Mordwaffen gern in gutnachbarlichen Wohnzimmern. Stefan Pucher hingegen kümmert sich in seiner Antiken-Variante «Elektra» am Deutschen Theater Berlin wenig um die Banalität der Familie an sich. Sein Interesse gilt eher den Niederungen der Familien-Soap: Wie viel «Denver-Clan» steckt in der Atriden-Dynastie? Welche pop- bzw....
