Benutz es!
Die Besetzung verblüfft alle: Warum soll ausgerechnet das schüchterne Entlein Fine die nymphomane Camille (eine «ausgehungerte Hyäne») spielen? Immerhin geht es um eine Aufführung in der Volksbühne, die der berühmte Regisseur Kaspar Friedmann mit Schauspielschülern bestreiten will. Darum: Weil Fine einen «Schaden» hat! Und ein Schaden, das ist das Einfallstor für Manipulation und Psychoterror, aus denen am Ende Kunst entsteht. Regisseur Friedmann ist da ganz Old School, ein Erpresser und Wüterich, selber hinreichend gestört, um als Genie durchzugehen.
Alkohol, Depression, die Richtung, wie er Fine in einem intimen Moment gesteht, um ihr eigenes traumatisches Urerlebnis hervorzulocken: der gebrochene Arm mit acht, den die Mutter einfach übersah, weil sie so fixiert war auf die geistig behinderte Schwester. Weil Fine sich immer übersehen gefühlt hat, will sie endlich ins Rampenlicht. Manchmal würde sie Schwester Jule am liebsten umbringen.«Benutz das», sagt Friedmann begeistert, «bleib in der Emotion.»
Wie Regisseure so reden, oder wie sich Filmregisseure vorstellen, dass Theaterregisseure reden. Das Drehbuch, das Regisseur Christian Schwochow wie seinen Erstling «Novemberkind» ...
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Theater heute Februar 2012
Rubrik: Magazin: Kino, Seite 61
von Barbara Burckhardt
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Welches Bild soll es sein? Welche optisch-szenischen Übersetzungen will das Theater finden für die Texte, von und mit denen es lebt? Gestaltet es die Welten für die Bühne bloß routiniert – oder setzt es auf Behauptungen, die den Inszenierungen Orientierung geben? Wann und wo beginnt die Handschrift der Bühne; für jeden Bühnenbildner, jede Bühnenbildnerin – und für...
«Wenn man schon Unrecht tun soll, dann um der Herrschaft willen. Das ist das schönste Unrecht!» Diese Tyrannenlogik, die aus dem Zustand der Welt das Unrecht rechtfertigt und Heuchelei und Machtgier feiert, kommt bei Euripides aus dem Mund des Verteidigers der Stadt. Der Angreifer rechtfertigt sich ganz einfach mit Habgier: «Das Geld ist bei den Menschen die...
