Sympathische Selbstzweifel
Der Mensch ist frei, und weil er frei ist, kann er so tun, als sei er unfrei. Iwanow kann tun, was er will, und weil er das weiß, kann er nichts tun. Die Hauptfigur von Tschechows erstem abendfüllenden Stück könnte uns zeigen, wie weit es kommen kann mit uns, den allzu gründlich über sich selbst aufgeklärten Menschen. Amélie Niermeyers Inszenierung versucht das Stück unauffällig, aber dezidiert an die Gegenwart anzubinden. Eine neue Übersetzung (von Alexander Nitzberg) trägt dazu bei, nebenbei wird sie weiter aktualisiert, wenn aus dem «Parlament» eine «Quatschbude» wird.
Die Handlung ist gestrafft, die Charaktere sind geschärft.
Kossych, der Spieler, zum Beispiel (Markus Danzeisen) versinkt völlig in seiner virtuellen Welt: ein kommunikationsunfähiges Opfer der Online-Computerspiele. Lebedev (Michael Abendroth), wunderbar schnoddrig, überfordert, bestenfalls halbnüchtern: der Freund und Brautvater. Lebedevs Frau (Gabriele Köstler) hat nur einen Charakterzug: Geiz. Witwe Babakina (Claudia Hübbecker) tanzt einsam im glitzernden Minikleid mit hervorrutschendem rosa BH: unattraktiv, aber reich. Was Tschechow an seinem Erstling später störte, die Mechanik der konventionellen Komödie, ...
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Clemens Meyer ist als Dichter mit Bierflasche in die jüngste Feuilletongeschichte eingegangen. Als der 1977 in Halle geborene Leipziger im März den Buchpreis der Messestadt erhielt, wurde er just in dem Moment fotografiert, als er im Siegestaumel die Pulle hochriss – die authentische Siegerpose des Kerls von der Straße, der sich längst mit Schmalzlocke, Brille und...
Das Publikum zu beiden Seiten des schmalen schwarz glänzenden Steges, meist einander ins Gesicht schauend, manchmal vom glitzernden Glasperlenvorhang getrennt, jubelt. Claudia Bauer muss etwas von dem Lebensgefühl dieser Generation getroffen haben, die sich mit Büchner zumindest in der schönen Sequenz einig weiß: Wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder. Allzu...
"Alles trocken." Die junge Kollegin kann nicht mehr weinen, seit sie den perfekten Moment erlebt hat, in dem sie beim Spielen selbst glaubte, sich und alle Zuschauer in ein anderes Sein befördert zu haben. Noch wundert sie sich, dass dieser Moment nicht wieder herstellbar ist – wie der Dornenauszieher in Kleists «Marionettentheater». Marcelline wundert sich schon...
