Wie der Mond das Meer bewegt
Endlich ein neues Stück, das es wagt, den Mikrokosmos der (Klein-)Familie und der weitgehend belanglosen Beziehungsproblematiken zu überwinden. Ein in vieler Hinsicht politisches Stück. Ein Volksstück, obwohl der Autor es gar nicht als solches benennt. Ein Theaterstück, das eine bisher literarisch kaum beachtete, aber stetig wachsende Volksschicht in den Blickpunkt des Interesses schiebt: Das Volk der Altgewordenen, das Meer der Vor-der-Pensionierung-Stehenden, die Schicht der Nicht-mehr-Benötigten.
Das zentrale Thema des jungen, in München aufgewachsenen, in Frankfurt arbeitenden Schauspielers, Regisseurs und Autors Jan Neumann ist: die notwendige Einübung ins Sterben. Ein Stück über Lebensglück und Trauer, über Trostlosigkeit und Mut, über das Altwerden. Jan Neumann präsentiert uns keine heroischen, rastlosen Figuren, sondern ganz durchschnittliche, tatenlose Mittelstandsterroristen, hinter deren Floskeln und Redewendungen man durchaus noch Reste einer verwöhnten Generation von Altachtundsechzigern erahnen kann.
Das ist mitunter sehr humorvoll, gezeigt wird aber eine unmerklich gealterte, verbitterte, liebesunfähige Gesellschaft; Menschen, die von unendlicher Freiheit geträumt ...
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Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 157
von Jens Gross
Eine befreundete Schauspielerin, die gegenüber von Schimmelpfennigs Berliner Wohnung lebte und einen steten Einblick in sein Familienleben hatte, fuhr im Winter niemals mit der Straßenbahnlinie auf der Greifswalder Straße. Es wäre zwar der kürzere Weg, meinte sie, aber sie bereue sonst zu sehr, nach Berlin gezogen zu sein. Sie fuhr lieber einen Umweg über die...
… der ausgleichenden Gerechtigkeit, mit der unsere 39 Kritiker in diesem Jahr gleich vier Theater aus Hauptstadt, Nord, Süd und Ost, A- und B-Liga zum Theater des Jahres erkoren. Kopf an Kopf mit je fünf Stimmen laufen ein: Bernd Wilms’ kulturpolitisch heftig umkämpftes und schlussendlich wiedererrungenes Deutsches Theater in Berlin, Frank Baumbauers Münchner...
Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter‚ die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht machen weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf.» Fast dreißig Jahre ist...
