Stadtplan Seele
Eine befreundete Schauspielerin, die gegenüber von Schimmelpfennigs Berliner Wohnung lebte und einen steten Einblick in sein Familienleben hatte, fuhr im Winter niemals mit der Straßenbahnlinie auf der Greifswalder Straße. Es wäre zwar der kürzere Weg, meinte sie, aber sie bereue sonst zu sehr, nach Berlin gezogen zu sein. Sie fuhr lieber einen Umweg über die Prenzlauer Allee, die mitten durch den renovierten Prenzlauer Berg führt, und lief dann einige Querstraßen zu ihrer und des Autors Heimatstraße.
Die Greifswalder Straße ist eine vierspurige Ausfallstraße in den Nordosten von Berlin. Die Überquerung der vier Fahrbahnen, der Straßenbahngleise und der überbreiten Bürgersteige ist wie ein Grenzübertritt von der westlichen Seite, die an den Prenzlauer Berg stößt, zur östlichen Seite, wo erste zarte Ableger des Kapitalismus für Farbe an den Häusern und Entmietung von Altbewohnern sorgen. Auf Schimmelpfennigs «Greifswalder Straße» wohnen ungefähr 50 Figuren, die wir 24 Stunden von Mitternacht bis Mitternacht in 63 Szenen erleben.
In einem kleinen, geheimnisvollen Dialog Roland Schimmelpfennigs von 1998/99 mit dem Titel «Mulholland Drive» fragt eine unbekannte schöne Muse den Autor: ...
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Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 161
von Bernd Stegemann
Das Kameraauge der Autorin fährt im Inneren einer Küche entlang und bleibt am auf dem Tisch liegenden Käsebrot hängen. Ein in Zellophan eingepacktes Käsebrot. Dessen Käse sich wellt und schwitzt. Dem die Butter aus den Löchern quillt. Dessen Farbe auch eine Haarfarbe sein könnte. So schreibt sie, so beobachtet sie, so sind ihre Welten. Im Detail entdeckt Anja...
Eines Tages hatte Gott Lust auf ein Festspiel. Es sollte etwas sehr Üppiges sein mit vielen Königen, Engeln, Hirten, Schafen und einer Sturzgeburt in einem Stall. Doch als er alle möglichen Tier- und Menschendarsteller zusammengetrommelt hatte, wollten die Engel gar keine Engel sein, sondern sagten immer: «Gelobt sei der Herr: Ficken ist geil!», und Maria sang:...
Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter‚ die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht machen weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf.» Fast dreißig Jahre ist...
