Unter Geiern
Was für eine nette Gesellschaft: kein einziger guter Mensch. Während der alte Familienpatriarch, seit Jahren ein Spieler und Säufer, im Nebenzimmer verröchelt, entbrennt vorn im Salon der Kampf ums Erbe. Dabei ist jedes Mittel recht. Es wird gedroht und intrigiert, bestochen, betrogen, erpresst, spioniert, gefälscht, eingeschüchtert und am Ende sogar gemordet. Alles nur wegen einer lumpigen Firma, die man heute ein mittelständisches Unternehmen nennen würde – eine kleine Wolga-Reederei, bessere Binnenschiffer.
Gorkis «Wassa Shelesnowa» in der ersten, noch von keiner revolutionären Hoffnung erlösten Fassung von 1910 ist kein Stück von Anton Tschechow. Keine alternden Diven, die sich vor jüngeren Geliebten oder Gläubigern fürchten müssen, keine ermüdeten Landadeligen, die in bankrotter Grandezza den Zug der Zeit verpasst haben und von zupackenden Lopachins weggefegt werden. Stattdessen diese Lopachins selbst, und zwar nach ihrem ersten räudigen Siegeszug. Zähe Kaufleute, die sich ein wackeliges Vermögen erwirtschaftet haben und es mit Zähnen und Klauen verteidigen: der Wohlstand in seiner beständig bedrohten, gemeinsten Blüte.
Die eisernste Interessenwahrerin ist Wassa Shelesnowa, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
Gerade noch haben Popjournalisten von Rang die Frage diskutiert, was denn den Hipster, diesen amerikanischen Nachfahr des europäischen Bohèmiens, so ausmacht (u.a. «sehr, wirklich sehr enge und spitz zulaufende Hosen, in die man rein-, nicht aber wieder herauskommt, Pullover mit Rentieren drauf, übergroße und schwarze Hornbrille oder aber das teure Imitat des...
Ganz Charlottengrad ist auf den Beinen. Mit Pelzkrägen, High Heels und Dekolletés, die tief zwischen hochgeschnürte Brüste blicken lassen. Mit Kussmündern, vielleicht nachgespritzt, und reichlich blauem Lidschatten. Überhaupt, mit Farbe! Kurvenschmeichelndes Grün, frivoles Pink und leuchtendes Sonnengelb, passend zur nachtschwarz gefärbten Haarpracht. Dazu...
Gleich in der ersten HAU-Saison fing ich an, dort zu arbeiten. Matthias Lilienthal hatte «MIR – a Love Story» gesehen und traf mich auf einen Kaffee. Er hatte eine Idee, als er hörte, dass ich informell Kinder zumeist arabischer Herkunft in Neukölln unterrichtete, und wollte, dass ich daraus eine Inszenierung mache.
Es wurde die allererste Auftragsarbeit für meine...
