Prädemente Denkgymnastik
Es war eine Überraschung, als Wilhelm Genazino vor drei Jahren mit zwei Stücken aufwartete. Immerhin stand er bereits kurz vor der Verleihung des Büchnerpreises, als er sich auch als Theaterautor outete und in zwei Stücken mit Tränensäcken, Bierbäuchen, Warzen und Altersflecken aufwartete. Der sich auflösende Körper bestimmte derart den Ton seiner späten Dramatik, dass man Beifall zollen wollte, gab er doch den wackeren Quichotte und schwang das Pappschwert gegen die zeitgeistige Körperbesoffenheit.
Als «Lieber Gott mach mich blind» dann beim Heidelberger Stückemarkt in szenischer Lesung zu hören war, wurde allerdings auch deutlich, dass die immergleichen syntaktischen Wendungen und ein durchgängig sarkastischer Ton durchaus einschläfernd wirken können.
Man weiß sehr schnell, dass es nur um die Vergänglichkeit des Lebens und sonst gar nichts geht. Das ist auch jetzt so, da Roberto Ciulli Genazinos «Der Hausschrat» zur Uraufführung gebracht hat und mit Sophie und Karl zuerst einmal zwei Mittfünfziger in einem biederen Wohnzimmer platzieren musste. Die beiden entsprechen auf keinen Fall gängigen «Fit for Fun»-Standards. Er ist das klassische Couchpotato, verfolgt einen ...
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Was ist los in Stuttgart? Ein grüner Kobold hüpft krakeelend über die Bühne. Will er Operngäste nerven, Ideen repräsentieren, Intensität schüren? Und was läuft da in Berlin? Eine nackte Schönheit balanciert in Wilsonscher Langsamkeit an einem vielbeinigen, auf einer Treppenkonstruktion untergebrachten Alte-Musik-Ensemble vorbei. Gab wohl sonst nicht viel zu sehen...
Man kennt diese Typen. Kaum im Job aufgestiegen, richten sie sich und andere mit zynischer Zerstörungslust und gehörigem Selbst- und Lebensekel – weil sie erkennen, dass sie sich komplett verkauft haben – zu Grunde. Dabei sind sie natürlich nur auf der verzweifelten Suche nach einem Selbst, das in der allgemeinen universalen Käuflichkeit zwangsläufig irgendwo...
Ein Mann allein an der Rampe. Kerzengerade und doch locker Stand- und Spielbein wahrend, den rechten Arm angriffslustig in die Hüfte gestemmt, der Schädel rot und stolz erhoben. Das weiße Hemd strahlt durch die Bühnennacht. Dunkle Bläser, satte Streicher aus der «Alpensinfonie» von Richard Strauss tauchen den Puntila von Norman Hacker für Minuten in ein schweres...
