Karlsruhe: Verschweigen oder vergessen?

Jörn Klare «Du sollst den Wald nicht vor dem Hasen loben» (U)

Theater heute - Logo

Am Anfang kann sich die über-70-jährige Mutter auch noch an obskure Jugendlektüre erinnern: «Wolter von Plettenberg». «Das weißt du noch?», fragt ihre 40-jährige Tochter. «Das war doch auch Thema meiner Dissertation», antwortet die Mutter. Am Ende erkennt sie nicht einmal mehr die Tochter. Demenz als Theaterthema – das war wohl überfällig, zumal an einem Haus wie dem Badischen Staatstheater, das sich am ETC-Projekt «The Art of Ageing» beteiligt.

Der Journalist Jörn Klare, der anlässlich der Demenz seiner Mutter das Sachbuch «Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand» geschrieben hat, stellt sich mit seinem ersten Theaterstück dieser Herausforderung. 

Sein Zwei-Personen-Stück ist zugleich mehr und weniger als ein Demenz-Drama. Weniger, 

indem der Krankheitsverlauf nicht die eigentliche Story ist – am ehesten zeigt er sich in dem Spiel, in dem die Mutter Sprichworte vollenden soll, deren Anfang die Tochter ihr vorliest (worauf sich auch der Titel bezieht). Und mehr, indem es sich um Identität dreht: Wenn Identität durch Erinnerungen entsteht, was bleibt dann nach deren Verlust, zumal bei einem Geistesmenschen wie der Mutter? Auch die Tochter ringt um ihre Identität: Bislang hat ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2015
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Andreas Jüttner

Weitere Beiträge
Sex, Cars und brave Bürger

Junge Menschen, die sich von Alkohol oder Adrenalin oder Sex berauscht aus dem fahrenden Auto lehnen, so weit, dass sogar der Hintern über die Türe rutscht: Das war das Lieblingsbild des deutschen Kinos auf der diesjährigen Berlinale. Mit seinen ikonischen Dimensionen – Geschwindigkeit, Spaß, Freiheit, Kontrollverlust, Gefahr, Unvernunft, kurz: maximaler...

Bonn: Inklusion statt Wunder

Samuel Koch, der bei «Wetten, dass …?» verunglückte Schauspieler, ist das jüngste Beispiel für die Diskussion über Inklusion auf dem Theater. Bei den bisherigen Inszenierungen des Staatstheaters Darmstadt mit Samuel Koch schien es um die Erkundung der Wirkungen zu gehen, die entstehen, wenn ein Querschnittgelähmter die Rolle eines körperlich nicht Behinderten...

Im Provisorium

Es fällt schwer, nicht bei allem, was das Volkstheater Rostock derzeit produziert, sogleich den beklemmenden Doppelsinn zu vernehmen. Das war schon so beim Spielzeitauftakt im September 2014 mit Wilhelm Dieter Sieberts Mitmach-Oper «Untergang der Titanic», die mit ChoristInnen in Totenkopfmasken eine weitere Saison Existenzkampf in kulturpolitisch schwerer See...