Jammerchor

Tina Müller: «Verlassen» in Düsseldorf

Theater heute - Logo

Die reflektierte Trauer der verlassenen Frau sei künstlerisch nicht darstellbar, weil sie rein innerlich sei, meinte Kierkegaard. Nur als Schattenriss, der sich gegen den Hintergrund abhebe, werde solche Trauer deutlich, und er zeigte dies an den großen Verlassenen der Dramengeschichte: Gretchen, Marie Beaumarchais, Doña Elvira.

Roland Barthes erkannte dagegen, dass genau in dieser rein innerlichen Verzweiflung der Verlassenen ein genuin theatralisches Moment liegt: Die Redseligkeit, das Mitteilungsbedürfnis der oder des Verlassenen führt dazu, dass man sich selbst zu Tränen rührt: «Ich bin mir selbst mein eigenes Theater.» 


Diese theatralische Selbstinszenierung verlassener Frauen ist der Ansatzpunkt für Tina Müllers neues Stück. Mit sprachlichem Witz, geschärfter Beobachtungsgabe und dem dramaturgischen Werkzeugkasten einer Absolventin des Studiengangs Szenisches Schreiben an der UdK Berlin analysiert sie detailgenau die verschiedenen Stadien des Verlassenseins. Vom entscheidenden «Anruf» über «Schock» zu «Warum?», «Verrat», «Hoffnung» und «Ess­störung», zu «Erinnerung», «Depression», «Ver­wahrlosung» und «Identitätsverlust» – jeder Phase eine Phrase, jeder Rolle eine Szene. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2009
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Gerhard Preußer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sekunde durch Hirn

Einer sehr pessimistischen Philosophie zufolge ist die Entfremdung in Gesellschaften der bei uns vertrauten Art so weit vorangeschritten, dass kein Rest bleibt, keine Regung, kein Wunsch und kein Begehren, die nicht die Imperative der vermarkteten und verwalteten Welt vollstrecken.

 

Das Bestechende an dieser düsteren Interpretation ist ihre Unwiderlegbarkeit. Wer...

Göttergatte

Einerseits würde man gerne den freien Blick runter auf die Dächer Heidelbergs genießen. Da ist aber auch Simone Blattners Inszenierung und das Gefühl, man dürfe keine der Sentenzen verpassen, mit denen Kleist von der Not eines Sterblichen berichtet, dem ein Gott die Gattin und dieses Wörtchen «Ich» rauben will. Alkmenes finales «Ach» ist der Seufzer einer Frau, die...

Kulturkämpfe

Dem Anlass entsprechend hat auch Goethe sich schick gemacht. Ein exquisites rotes Kopftuch bedeckt das edle Gipshaupt im Foyer der Frankfurter Naxoshalle, in der der Regisseur Willy Praml und seine Theatertruppe seit einigen Jahren ihre Zelte aufgeschlagen haben. 

 

Im Konzepttheater von Praml geht es diesmal, Goethe zeigt es an, um Mythen der Verschleierung. Die...