In den Klauen des Kapitals
Die Raffgier der Menschen ist zeitlos. Vielleicht spricht man in unseren Tagen mit anderen und komplizierter klingenden Worten über Aktien, Dividenden, Kurse und Erträge, die Sucht nach Gewinnen, Mitnahmen und Rücklagen ist aber ebenso rücksichtslos, zerstörerisch und entlarvend wie zu Zeiten Carl Sternheims, der mit seinem Lustspiel «Die Kassette» 1911 das geniale Porträt einer bürgerlichen Gesellschaft in den Klauen des Kapitals schrieb.
Wie hier die Aussicht auf ein stattliches Erbe den doppelmoralisierenden Figuren den Boden der Anständigkeit unter den Füßen wegzieht, wie hier der blank-blinde Neid in die biedere Plüschigkeit fährt: Das ist in seiner berechnenden Übertreibung eine schauerliche Momentaufnahme allzu menschlicher Unzulänglichkeit, die an Gültigkeit nichts eingebüßt hat.
Warum also wird dieser Carl Sternheim so selten gespielt auf deutschen Bühnen, wo er doch einst mit seinen Stücken Stammgast war? Es liegt sicherlich an der Sprache, die strotzt vor Manierismen: Das Staccato der Dialoge in den Komödien prasselt auf einen nieder, und man verirrt sich ja schon beim Lesen zwischen «barocker Absurdität, wilden Metaphern und abgehackter A-Rhythmik» in ihnen, wie der ...
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Theater heute Juli 2011
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Bernd Noack
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