Der fleißige Extremist
Keine Menschenseele war zu sehen, damals am Krasny-Prospekt, nachts um halb eins. Wäre auch Irrsinn gewesen, bei Atem raubenden 35 Grad Celsius minus. Dann doch lieber das Gegenteil – gefühlte 35 Grad plus, wie sie im Innern des prächtigen, völlig überheizten Opernhauses von Novosibirsk herrschten, wo ohnehin die bessere Sause lief: Sektkorken knallten, Wodka wurde gereicht, warmes Bier, schwersüßer Rotwein; Zigarettenqualmwolken stiegen zur Decke, Stimmen, Körper, Gedanken verknäuelten sich.
Premierenfeiern sind meist lustig.
Diese, an einem Wintertag 2010, war es ganz besonders, weil sie ein plötzlicher Regie-Einfall, womöglich eine charmante Laune des Schicksals war. Und weil die Party nicht in einem schmucken Ballsaal stieg, sondern in den Büroräumen jenes Mannes, der wenige Stunden zuvor, bei der Wiederaufnahme einer merklich angestaubten «La Bohème»-Inszenierung, erneut gezeigt hatte, welch musikalisches Potenzial in ihm steckt. Erstaunlich, ja unerhört, was da aus dem Graben herauskroch: ein leiser, behutsamer, sensitiver Puccini-Ton, der – ungemein differenziert in Tempi und Klangfarben, agogisch freizügig – den Sängern einen Teppich auslegte, der sich anfühlte wie ...
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Theater heute April 2019
Rubrik: International, Seite 52
von Jürgen Otten
Putzt euch die Zähne – und hofft, dass ihr den Tag überlebt!», mit diese Appell entlässt Nikita Dhawan die rund 150 Teilnehmenden des zweiten Flausen-Bundeskongresses «The Politics of Art» in den Tag. Das hat man davon, wenn man die renommierte Professorin für Politische Theorie und Gender Studies nach der Rolle von Kunst und Moral in politisch desolaten Zeiten...
«Würde es dich stören, das Handy wegzulegen, wenn wir miteinander sprechen?» – «Mir war nicht klar, dass das ein Gespräch ist» – Das klingt doch nach idealen Voraussetzungen für einen gemeinsamen Urlaub! Der da schulmeistert ist Falk, Philosophieprofessor, intellektueller Machtmensch, Vater zweier Streber, ein Mann mit hoher rhetorischer und ökonomischer...
«Bara» heißt im ivorischen Französisch einerseits «Arbeit», andererseits «Sex». Zumindest erklärt Franck Edmond Yao diese Doppelbedeutung in «Nana ou est-ce que tu connais le bara?», der Koproduktion von Monika Gintersdorfers europäisch-afrikanischer Performance-Gruppe La Fleur mit der Pariser Bühne MC93 (Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis) und dem Theater...
