Freie Szene: Als ob alles gut gehen würde
Putzt euch die Zähne – und hofft, dass ihr den Tag überlebt!», mit diese Appell entlässt Nikita Dhawan die rund 150 Teilnehmenden des zweiten Flausen-Bundeskongresses «The Politics of Art» in den Tag. Das hat man davon, wenn man die renommierte Professorin für Politische Theorie und Gender Studies nach der Rolle von Kunst und Moral in politisch desolaten Zeiten fragt. Statt eines Rezepts bekommt man einen 20-minütigen Parcours in Höchstgeschwindigkeit, von Marx über Seneca bis zu Gayatri Spivak und zurück.
Ohne Erfolgsgarantie
Dhawan eröffnet ihre extrem unterhaltsame Keynote zu Theater, Politik und Moral auf dem Vernetzungstreffen der Freien Szene im FWT Köln mit einer vehementen (englischsprachigen) Verteidigung des viel gedissten (deutschen) Begriffs «Mitleid». Etymologisch benenne der ein Mit-Tragen des Leides anderer. Das sei nun einmal mehr und zielführender, als Elend bloß zu bezeugen – auch in der Kunst. Einerseits. Andererseits schickt sie Seneca ins Rennen, der den Ausschluss von Affekten als Basis für ethisches Handeln propagiert. Dann lässt sie noch Aristoteles mit der Fahne des «Eleos» antreten: Mitfühlen als Weg zur Katharsis. Beide werden wiederum ausgebremst durch ...
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Theater heute April 2019
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Cornelia Fiedler
Professor Andrzej Wirth würde ich zutrauen, auch noch nach seinem Tod überraschend aufzutreten. Zwei Tage nach seinem Tod bin ich alleine in meiner Wohnung, die einmal seine war. Ich sitze im Wohnzimmer, das er Studio nannte, und höre die Badezimmertür zuschlagen. Ich schaue nach, aber da ist niemand. Ich laufe ins Arbeitszimmer, das er Salon nannte, in dem jetzt...
Das Erste, was uns vor dem Pavillon zwischen Théâtre de la Ville und Théâtre du Châtelet in die Hand gedrückt wird, ist ein Orientierungsplan für die beiden Bühnen im Zentrum von Paris. Die Châtelet-Seite zeigt Rot auf Schwarz eine labyrinthische Grafik voller Linien und Reizworte. HYSTERIE, KRIEG, ANGST und UNTERWERFUNG stehen SEX, LUST, JUGEND und ZURÜCKWEISUNG...
Klaus kann eine ganz große Demut vor anderen Leuten haben, vor Werken anderer Menschen, vor künstlerischen Hervorbringungen, nicht nur vor solchen, die Jahrtausende zurückliegen, sondern auch von denen von Zeitgenossen. Unter all dem liegen die poetischen Ströme und Räume von Klaus. Das ist es, was einen wie mich am allermeisten zu ihm hinzieht. Auch das ist schwer...
