Biografie, ein Wink
Ich sein oder lieber nicht Ich sein, das ist täglich die Frage. Für Schauspieler intensiver noch als für gewöhnliche Privatlebendarsteller. Immer geht es auf der Bühne darum, wie viel ich öffentlich von meiner Person preisgebe. Man muss kein Strasberg-Schüler sein, um zu ahnen, dass man seine Intimsphäre nicht ungefährdet ausräubert, um in die nächste Rolle zu finden. «Just be yourself», die Weisheit zählt seit dem 19. Jahrhundert zum Repertoire der bürgerlichen Lebenshilfe, seit H. D. Thoreau und Oscar Wilde, und auch die haben den Satz nicht erfunden.
Seit wir gesehen haben, dass noch das authentischste Alltagsexpertentheater mit der Kunst der Verstellung arbeitet, hat sich das «Be yourself» erledigt. «Sei nicht du selbst» überschreibt der Basler Theatermacher Boris Nikitin (34) folgerichtig ein Projekt, in dem fünf Schauspieler ihr Leben vor dem Publikum ausbreiten.
Sie tun das ganz schlicht. Sie reihen Stühle auf, setzen sich und berichten in Wechselrede nach den Regeln von Andeutung und Anekdote. Dabei repetieren sie penetrant ihre Klarnamen, streifen ihre Herkunft, ihre Kindheit, ihre Talente, Ängste und Hoffnungen. Die Motive verschränken sich nach und nach, sehr behutsam, ...
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Theater heute Februar 2014
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Stephan Reuter
Im ersten Moment meint man, sie schauten einen an. Und doch ist es vielmehr der eigene Blick, der irritiert. Der Blick auf drei Dutzend schwarze Schaufensterpuppen, die während der gesamten Aufführung von «Schande» nach dem gleichnamigem Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers John M. Coetzee unbeweglich auf der Bühne der Münchner Kammerspiele...
Der trüb angelaufene Betonquader von Bühnenbildner Jörg Kiefel ist schon grandios: Er könnte in irgendeiner arabischen Diktatur stehen, mitten in der Wüste oder auch im Stadtbild von Köln. Von oben hat man freie Sicht, unten entsteht so ein finsterer Zivilisations-Unort. Tonnen von Sand im Depot 1 im Carlswerk drumherum stauben schön, wenn die Bürger Bethuliens...
Mit seinen 35 Jahren ist Shenja Lacher schon mächtig rumgekommen und hat praktisch an allen Rändern Deutschlands gekratzt. Von der Rostocker Schauspielschule im hohen Nordosten ging es zum Erstengagement nach Zittau ins tschechisch-polnische Dreiländereck. Dann nach kurzer Stippvisite in der Mitte, in Mannheim, weiter in den äußersten Nordwesten nach Oldenburg. Und...
