Vom Sinn des Unsinns
Eine singuläre Künstlerin. Wenn es eine Künstlerin ist, und nicht vielmehr ein Künstler. Oder beides. Auf jeden Fall tritt Antonia Baehr, die man mit gleich gutem Recht Autorin, Performerin, Schauspielerin, Installationskünstlerin, Komponistin oder Choreografin nennen könnte, zunächst in einem hellbraunen, nicht übermäßig modischen dreiteiligen Anzug auf, mit violettem Hemd, breiter Krawatte und brav zur Seite gescheiteltem Haar.
Wer unvorbereitet einen ihrer Abende besucht, könnte sie für einen etwas androgynen Mann halten und würde erst im Lauf der Vorstellung entdecken, dass sich unter dem wie ein Panzer fungierenden Anzug Brüste verbergen, die buchstäblich auf den Tisch kommen, wenn Baehr «Martelli’s Cat» gibt. Mit Grinsekatzengesicht schaut sie uns dann verführerisch an, die linke Hand in einem schwarzen, irgendwie anrüchig wirkenden Handschuh verborgen, vornüber auf den wie Kissen unter ihr ausgebreiteten Brüsten liegend, deren Warzen keck in unsere Richtung weisen.
«Abecedarium Bestiarium» lautet der Titel der Vorstellung, in dem sich diese Szene findet, einer Vorstellung, die sich so wenig wie die Künstlerin (oder der Künstler) selbst einer der Disziplinen und mit ihr ...
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Theater heute März 2015
Rubrik: Theorie, Seite 46
von Nikolaus Müller-Schöll
Der Wiener Maler und Liedermacher Arik Brauer hat in den 70er Jahren einen seiner Dialektsongs mit dem schönen Satz «Das ist ein beinhartes Protestlied» eingeleitet, und es lässt sich heute nicht mehr sicher sagen, wie ironisch das gemeint war. Fünf Jahre später, im Mai 1976, hatte die «Proletenpassion» Premiere, und man kann sagen: Das war ein beinhartes...
Hinter dem Vorhang wird Schubert gespielt. Einzelne beherzte Klavierakkorde, ein wenig schief, eine Dekonstruktion des Wanderermotivs. Denkt man. Bis man sieht: Das Klavier steht auf Zweimeterbeinen, und fünf Schauspielerinnen mühen sich zehnhändig, irgendwie Töne auf dem Monstrum zu erzeugen. Die vermutete Dekonstruktion ist in Wahrheit die körperliche Begrenzung...
Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Und sei es einen intellektuellen. Wenn man Werbeplakate prangen sieht mit einer Frau auf den Schultern eines Mannes, vier goldenen Paketen in der Hand und der Botschaft «Ich kann endlich so lange shoppen, wie ich will», dann ahnt man, wo die Kosten unserer hochtechnisierten Marktwirtschaft liegen: in Innovationen, die zu bloßen...
