Geld und Sex

À la française in Berlin: Frank Castorf entdeckt Balzacs Roman «La Cousine Bette» für die Volksbühne, Michael Thalheimer schickt Molières «Tartuffe» als Rächer der Enterbten in die Schaubühne

Theater heute - Logo

Der arbeitnehmerausbeuterische Pfui-Teufel-Versand amazon, den man doch nie mehr benutzen wollte, hatte im letzten Moment geholfen: Drei Tage vor der Castorf-Premiere an der Berliner Volksbühne, eine Woche vor Weihnachten, lag sie im Briefkasten, die speckige beige Leinenausgabe der «Kusine Lisbeth», die verschweigt, aus welchem Jahr sie stammt.

Vier Euro hat das Vergnügen gekostet und ist jeden Cent wert: Balzacs 1847 atemlos in zwei Monaten runtergeholzter Roman aus den «Scènes de la vie parisienne» ist ein fettes, pralles, lebensnahes und durch und durch illusionsloses Lesevergnügen zur Condition humaine, die bei Balzac zur wüsten «Comédie humaine» wird, angelegt in 91 Bänden mit über 2.000 Figuren, die immer wiederkehren um zu erzählen, wie er tickt, dieser Mensch der Nach-Napoleon-Restauration: gierig, triebgesteuert, liebes- (bzw. sex-)süchtig, egomanisch und mit Sicherheit irgendwann tot. Für Balzac war leider schon 1850 mit 51 Jahren Schluss.

«La Cousine Bette», wie die Sittenstudie aus der Unterabteilung «Die verarmten Verwandten» auf Französisch und auch bei Castorf um einiges glamouröser heißt, ist die arme Verwandte ihrer Cousine Adeline, die sich mit Mon­sieur Hulot ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Retro ist depro

Natürlich ist es eine gute Idee, die klügsten Leute von Zürich ans Theater zu binden und sie mit einer guten Flasche Wein auf die Bühne zu setzen und reden zu lassen. Den Psychoanalytiker Peter Schneider etwa, als radikaler Kolumnist im Radio und in allerlei Schweizer Zeitungen zuhause und ein gewitzter Causeur sondergleichen. Dieser Peter Schneider sitzt jetzt...

Europa in großen Stücken

Diese auch im Umfang weit ausholende Studie begibt sich in die osteuropäische Theaterwelt der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Moskau und Leningrad, Budapest und Warschau, Prag und Sofia, das sind die Theaterhauptstädte jener 1989/90 endenden Epoche, in der die meisten Theater als Staatsbetriebe geführt und versorgt wurden, dafür aber – je...

Schritte ins Verschwinden

Als es nach mehr als vier Stunden «König Lear» im Burgtheater doch noch einmal spannend wurde, war die Premiere gerade zu Ende gegangen. Regisseur Peter Stein kam zum Applaus auf die Bühne, und in dem Moment war Hauptdarsteller Klaus Maria Brandauer auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat, aber er ward erst wieder gesehen, als...