Die Welt im Stück
Wie schreibt man mit zwei Menschen eine ganze Welt? Es dürfen auch drei oder vier sein, aber selten mehr als ein Dutzend. Es muss auch nicht immer gleich die ganze Welt sein, aber doch wenigstens ein wichtiger Teil davon, ein bedeutendes Problem, ein entscheidender Konflikt, eine aufschlussreiche Situation. Auf jeden Fall deutlich mehr als das Privatproblem von Herrn X oder Frau Y – soviel darf man schon verlangen von einem ordentlichen Theaterstück. Nicht nur so ein Partikularproblemchen von hinten links.
Solch ein Anspruch war vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren deutlich einfacher einzulösen. Als die deutsche Bundesrepublik noch eine ordentliche Gesellschaftszwiebel mit dickem Bauch und kurzen Enden war; als eine solide, berechenbare Angestelltenwelt mit ihren gerne repressiven kleinbürgerlichen Konventionen am Familientisch entschied, was Normalität bedeutet. Kurz: als das Normalmenschenschicksal nicht nur für sich, sondern irgendwie auch für alle sprach und wir in einer vielleicht autoritären, oft leicht langweiligen, aber einigermaßen überschaubaren fordistischen Nachkriegsmoderne lebten. Darin wurden dann Generationen- oder Emanzipationskonflikte geklärt oder soziale Fragen ...
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Theater heute Mai 2014
Rubrik: Mülheim Stücke, Seite 36
von Franz Wille
Das Stück, mit dem Peter Handke 2012 zum ersten Mal in seiner langen Karriere den Mülheimer Dramatikerpreis gewann, ist ein großes Kopftheater, in dem der Dichter die Geschichte seiner Familie inszeniert. Das Stück ist kein Drama, sondern eine lange Ich-Erzählung; so etwas wie dramatische Spannung erzeugt der Regisseur Handke vor allem durch einen kühnen...
Personen
Die Sängerin – dreißig plus
Carmen – männlich – zwanzig plus
Don José – weiblich – fünfzig plus
Micaela – weiblich – knapp zwanzig
Escamillo – männlich – vierzig plus
Ein Chor
Dieses Stück folgt in seiner Struktur der 1875 entstandenen Oper Carmen von George Bizet.
Seine Entstehung hat mein Freund und Kollege Sebastian Nübling provoziert.
Geprägt ist es...
Über Russlands Kunst ist Grauenvolles hereingebrochen – die Regierung hat 2014 zum «Jahr der Kultur» erklärt. Noch Schrecklicheres widerfährt gerade dem russischen Theater: Die «Vertikale der Macht» beginnt, Interesse an ihm zu entwickeln sowie – Herr im Himmel, ist es ein Traum? – das Staatsfernsehen. Vor kurzem noch regierte im Theater politische und ästhetische...
