Missbrauchte Floskeln
Ein Stück für Musik, nicht mit Musik, nennt sich Händl Klaus’ neuestes Werk «Gabe/Gift». Ein Stück für Sprachmusik. Händl Klaus, der Spezialist für das absichtsvoll Unheimliche unter den gegenwärtigen deutschen Theaterautoren, ist auch ein Sprachtüftler. Er erfindet eine Familiensprache – kein Dialog, ein gemeinsamer Monolog mit verteilten Silben. Eine Replik ist hier keine Antwort, sondern die Fortspinnung eines Satzteils mit umgebogenem oder gegensätzlichem Sinn. Mutter Lore: «Wehr dich» / Sohn Bert: «nicht» / Vater Otto: «da ich dich liebe. Es ist wahr.
» Eine streng sequenzierte Sprachmusik, Klangfarbenmelodie statt propositionaler Mitteilung.
Das ist dennoch keine absolute Musik. Es gibt noch etwas, das bezeichnet wird: Eine Geschichte wird erzählt, aber völlig verrätselt. Eine Kriminalgeschichte mit losen Handlungsfäden. Bedeutungsschwer, bedeutungsleer, polysemantisch. Eine Polizistenfamilie baut einen Kellerraum zum «Erfrischungsraum» um. Dabei werden inzestuöse Verwicklungen und Mordpläne angedeutet, doch alle Konfliktspuren werden sofort wieder verwischt. Der Mann eines zufällig vorbeikommenden Paares entpuppt sich auch als Polizist, sie haben eine Schatzkarte dabei, und ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Gerhard Preußer
Sie knistert verheißungsvoll bei jeder Berührung, braucht Raum – mindestens einen Sitzplatz in der U-Bahn, besser noch eine Ecke im Café –, um sich genüsslich aufzublättern und verströmt das unvergleichliche Aroma von frischem Papier, Druckerschwärze und gut gewürzter Geistesnahrung. Bei den Kindern der Post-Gutenberg-Ära könnte eine derartige Beschreibung bald nur...
Zimmer 525 im Dorint Hotel an der Messe Basel: Eine Frau liegt quer über das Bett gestreckt. Neben ihr ein Bauplan. Sieht komplex aus. Die Frau trägt Business-Kostüm, sie rührt sich nicht, offenbar ist sie über der Skizze eingenickt. Typischer Fall von Erschöpfungsschlaf. Dann schreckt sie hoch, besinnt sich, setzt ein Lächeln auf: «Herzlich willkommen in...
Angehängt an Wolfram Lotz’ Theaterstück «Der große Marsch» ist eine frisch delirierende «Rede zum Unmöglichen Theater», die man jedem Schauspielschüler, dem sie nicht sowieso schon aus dem Herzen spricht, an den Garderobenspiegel pinnen möchte. Es geht los mit «Die Würstchen der Wahrheit, die für uns gebraten werden, wollen wir nicht mehr essen!», dann verflucht...
