Den Affen bewahren

Theaterkritik braucht den Mut zur Peinlichkeit und sollte sich nicht zu wichtig nehmen

Theater heute - Logo

Es gibt einen sehr vernünftigen und ungewöhnlich konstruktiven Satz vom größten Pessimisten des 20. Jahrhun­derts, E. M. Cioran: «Wer Angst vor der Lächerlichkeit hat, wird es weder im Guten noch im Bösen sehr weit bringen.» Wer sein Leben lang denselben Job gemacht hat, wird mit dieser Weisheit vielleicht nicht viel anfangen können, und wer seine Sandkastenliebe geheiratet hat, wahrscheinlich auch nicht. Aber um die eigenen Unzufriedenheiten zu überwinden, braucht es in der Regel etwas Mut zur Peinlichkeit.

Um nochmal Cioran zu zitieren, dessen Philosophie im Kern zwar aus depressiven Denkfehlern besteht, der daraus aber häufig erstaunlich lebensbejahende Aphorismen gewann: «Man muss einige Reste des Affen bewahren oder zu Hause bleiben.»

Mit der öffentlichen Kritik von Kulturleistungen steht man vor einer ähnlichen Entscheidung zwischen Affe oder Zu-Hause-Bleiben. Denn die publizierte Bewertung anderer Leute Anstren­gungen besitzt immer einen Kern von lächerlicher Anmaßung. Was fällt dem Kritiker ein, nach der Lektüre eines Dramas, vielleicht noch von etwas Zusatzliteratur (wenn es der hektische Betrieb denn zulässt) und der Ansicht eines Theaterabends ein Urteil zu fällen, das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2007
Rubrik: Serie Theaterkritik, Seite 32
von Till Briegleb

Vergriffen
Weitere Beiträge
Requiem fürs Programmheft

Theorie muss im Theater immer in Programmheften gefan­gengehalten werden, sonst würde sie den ganzen Laden auffliegen lassen. «Die Gewalt des Konsens und der forcier­ten Zusammengehörigkeit, die, wie eine Schönheitschirurgie des Sozialen, die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auszureißen trachtet; die jede Form der Negativität und Singula­rität einschließlich...

Am katholischen Marterpfahl

Die Wände bilden ein Kreuz – ein metallisch kalt schimmerndes. Die fahrbaren Elemente dieses Drehkreuzes werden in den häufigen Szenenwechseln von jungen schlanken Mädchen verschoben wie Uhrzeiger, die das Vergehen der Zeit und ewige Sisyphos-Anstrengung symbolisieren. In den Ni­schen der vier wuchtigen Streben (Büh­ne Christof Hetzer) wohnen, als wären es...

Streng und monströs

Zwischen Innen und Außen, Gefühl und Welt: ein Abgrund. Selbstwahr­nehmung und Welterfassung klaffen auseinander. Kleists «Penthesilea» ist das Drama dieses Missverhältnisses. Das Dokument einer hypertrophen Triebbewegung, die sich absolut setzt, eine verzweifelt arrogante Feier der maßlosen Innerlichkeit. An solch stren­ger Monstrosität scheitern alle...