Requiem fürs Programmheft
Theorie muss im Theater immer in Programmheften gefangengehalten werden, sonst würde sie den ganzen Laden auffliegen lassen.
«Die Gewalt des Konsens und der forcierten Zusammengehörigkeit, die, wie eine Schönheitschirurgie des Sozialen, die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auszureißen trachtet; die jede Form der Negativität und Singularität einschließlich der letzten Form der Singularität, die unser Tod ist, löscht; die Gewalt einer Gesellschaft, die uns das Negative und den Konflikt und den Tod untersagt …» oder, ebenfalls Baudrillard: «Das Evangelium der Sentimentalität», das Daueroperieren mit dem Begriff der Liebe, dem nicht nur bedeutungsschwersten, sondern auch «schwammigsten Wort unserer Sprache». Baudrillard, ernstgenommen auf einer Bühne, würde die Lesbarkeit der Veranstaltung, was Liebe und Leben betrifft, kolossal einschränken und zu erheblichen Missverständnissen führen, vor allem bei Beibehaltung einer Darstellungspraxis, die auf Psychologisierung und Ästhetisierung setzt und dadurch erst ihre ganze neutralisierende Kraft gewinnt.
Theateraufführungen, in denen gesichert von der Liebe wie von einer «allgemeinen Verteilungs- und Integrationsform, vor der alle ...
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Man lebt frei und ungezwungen», sagt einer der «Hochstapler», ohne die Fesseln bürgerlichen Rechts und die Behinderung durch Rechtschaffenheit. Jeder der vier wegen Betrugs verurteilten Männer, die Alexander Adolph, nachdem er sich mit ihren Anwälten getroffen, die Gerichtsakten studiert und das Vertrauen der Männer erworben hat, in langen Sitzungen interviewte,...
Franz Wille«Der Häßliche» erscheint als ein ganz neuer «Mayenburg», kein ernstes Stück aus den Seelenlandschaften der Zeitgenossen, sondern eine mit trockenen Pointen durchgeschriebene, fast angelsächsische Boulevardmaschine, die schauspielerseits wenig Psychologie braucht, sich sehr ökonomisch über Plot und Pointe vorwärtstreibt. Ein Stück wie fürs Londoner Royal...
Es war eine Überraschung, als Wilhelm Genazino vor drei Jahren mit zwei Stücken aufwartete. Immerhin stand er bereits kurz vor der Verleihung des Büchnerpreises, als er sich auch als Theaterautor outete und in zwei Stücken mit Tränensäcken, Bierbäuchen, Warzen und Altersflecken aufwartete. Der sich auflösende Körper bestimmte derart den Ton seiner späten Dramatik,...
