hamburg: John Neumeier: «Tatjana»

Tanz - Logo

Statt Cranko Neumeier. Statt «Onegin» eine «Tatjana». So nennt Hamburgs Ballettintendant seine Version von Puschkins Versroman. Tatjana, sagt Fjodor Dostojewski, ist der wahre «Held»: «Sie ist tiefgründiger als Onegin und auch klüger. Sie ahnt schon allein durch ihren feinen Sinn, wo die Wahrheit ist und worin sie besteht. Vielleicht wäre es besser gewesen, Puschkin hätte seinen Roman nach ihr genannt.»

Vielleicht. Auch in Neumeiers zweiaktigem, zehn Bilder umfassenden Ballett hat indes Eugen Onegin das Sagen.

Während sich Tatjana noch ganz geborgen fühlt in der Welt ihrer Fantasie, die von fiktiven Figuren ihrer Lektüren bevölkert ist, greift er bereits im Prolog zur Pistole. «Träume im Schatten des Duells» hat Neumeier dieses Vorspiel überschrieben, in dem sich vor einer gemalten Schneelandschaft Zaretsky gespenstisch in die Höhe reckt, der doppelgestaltige Sekundant. Auch Lensky ist von Ferne zu erkennen, am Klavier sitzend, ein angehender Komponist.

Im Grunde ist mit dem Traumspiel alles gesagt. Doch Neumeier erzählt drei geschlagene Stunden lang in aller Ausführlichkeit die Geschichte Onegins, der sich erst im dritten Bild Tatjana zugesellt: einem schöngeistigen Mädchen vom ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz November 2014
Rubrik: kalender und kritik, Seite 36
von Hartmut Regitz

Weitere Beiträge
paris: Maguy Marin: «BiT»

Maguy Marins neues Stück widmet sich dem Rhythmus – vielleicht, weil sie in letzter Zeit zweimal umgezogen ist mit ihrer Kompanie: von Lyon nach Toulouse und retour. Da muss ein Rhythmus erst wieder gefunden werden, auch bei Marin, die eigentlich Langsamkeit zum politischen Statement erhoben hat.

Ihr «BiT» wird auf Französisch wie «Beat» ausgesprochen. Auf,...

revolution!

Kuratoren, Galeristen, Kunstprofessoren winken routiniert ab, sobald jemand mit der Frage aufschlägt: Wo bitte geht‘s zur Avantgarde? Selbst Originalität gilt heute als problematisches Unterfangen, war doch … alles schon mal da. Tanzkreative hören über ihr eigenes Schaffen denn auch häufig nichts lieber als: «Das sieht nach Billy aus.» Was so viel bedeutet wie: Du...

benjamin millepied

Ein Mann im Umbruch: Benjamin Millepied schlüpft Stück für Stück in seine neue Rolle als Directeur de la danse am Pariser Opernballett, wo er den Staffelstab von Brigitte Lefèvre übernimmt, die ihn zwei Jahrzehnte trug. Ende September stellte er auf der «Biennale de la danse» in Lyon «Hearts and Heroes» vor, die bis auf Weiteres letzte Kreation für sein vor zwei...