Ein Gebet
Ich weiß, dass ich im Theater bin
und ich weiß, dass ich um mein Leben nicht zu fürchten brauche.
Ich brauche weder zu fürchten die Bevormundung meines Geistes
noch die schmerzhafte Zerlegung meines Körpers in seine Teile.
Ich habe keine Angst vor der langen Weile, die vor mir liegt, noch
muss ich die Kurzweil fürchten.
Was ich im Kunstwerk erkenne, soll nicht vorbestimmt sein,
es ist ganz allein mein eigenes Erkennen.
Ich werde seinetwegen weder gelobt noch getadelt.
Ich werde genau so wenig gelobt oder getadelt für mein Nicht-
erkennen. Da ich weder das eine noch das andere zu fürchten
habe, steht mir frei, beides in Anspruch zu nehmen.
Ich will verstehen, was die Künstler mir sagen wollen.
Dazu benutze ich die mir verliehene Gabe der Interpretation.
Aber auch der Fehlinterpretation werde ich mich nicht
verschließen, da ich weiß, dass ich das eine vom anderen
nicht unterscheiden kann. Niemand wird mir deswegen eine
Böswilligkeit unterstellen.
Ich wünsche, dass ich das Theater am Ende unversehrt
und unbehelligt wieder verlassen kann.
Falls aber ein Feuer ausbricht, werde ich mich ruhig und
gefasst verhalten, bis man mich auffordert, das Applaudieren
zu beenden und einen Ausgang aufzusuchen.
Fü ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Juni 2018
Rubrik: Warm-Up, Seite 1
von Jo Fabian
Ben Van Cauwenbergh traut sich was. Den 200. Geburtstag von Marius Petipa ebenso im Blick wie sein zehnjähriges Jubiläum als Ballettchef des Aalto-Theaters, setzt er einen «Schwanensee» nach alter zaristischer Sitte auf den Spielplan. Keine aufsehenerregende Neuinterpretation – die haben andere (von Neumeier über Ek und Bourne bis Dada Masilo) längst geliefert. Nur...
Dreimal Maurice Ravel, drei verschiedene Choreografen, eine Kompanie – so sieht die Formel von «Boléro» aus, das in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul seine Uraufführung hatte. Wobei die Formel nicht ganz stimmt, da sowohl Igor Kirov (Balletdirektor des Kroatischen Nationalballetts) als auch Michele Merola (Leiterin der MM Contemporary Dance Company) auf einen...
Raum ist in der kleinsten Hütte. Aber so klein ist die SCALA am Ende gar nicht, wo nicht wenige Veranstaltungen des Festivals «PODIUM Esslingen» stattfinden. Dass es sich dabei um ein ehemaliges Kino handelt, ist nicht zu übersehen. Die Wände sind mit roter Seide bespannt. Die Seitenbeleuchtung stammt noch aus früheren Zeiten. Im Treppenaufgang lassen...
