Olga Desmond: Preussens nackte Venus

Tanz - Logo

Preussen nackte Venus, das klingt – als Untertitel eines Buchs und einer Ausstellung – nicht eben sexy, sondern nach Erstem Weltkrieg. Die Monarchien und ihre Stützen, die Kirchen, bröckelten. Die Bühnen spielten Arthur Schnitzlers libertinen «Reigen», Isadora Duncan tanzte barfuß.

Die Emanzipation der Frau begann – als Teil der Freikörperkultur und der Anarchisten. Die Freiheit, das Unwort des Jahrhunderts, störte die «öffentliche Ordnung». Kommunisten meinten den Arbeiter zu befreien, Nationalisten wollten das Vaterland befreien.

Mittendrin befreite sich der nackte Körper der Reformer und des Tanzes von einer sterbenden Kultur.

Neben Isadora Duncan tourte die heute vergessene Olga Desmond mit einer Kompanie namens The Seldoms und stellte bekannte Marmorskulpturen für ein reiches Publikum nach.

Nackt trat sie aus diesen «Lebenden Bildern» hinaus in die von ihrem Impresario Karl Vanselow veranstalteten «Schönheit-Abende». Olga Desmonds Nackttänze waren ein Riesenerfolg u. a. im Neuen Schauspielhaus am Berliner Nollendorfplatz – der ein Ort der sexuellen Befreiung blieb.

Die 1890 Geborene tanzte hier den «Schwertertanz», als wäre sie die reine Unschuld inmitten einer Phalanx ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Mai 2009
Rubrik: Buchbesprechung, Seite 24
von

Vergriffen
Weitere Beiträge
Johan Inger: «Position of Elsewhere»

Eine leere Bühne in monochronem Grau, darüber ein gewaltiger Kronleuchter. Das Licht fällt gerade herab, bildet scharf abgegrenzte Ringe auf dem Boden, die an die strikten Linien von Mondrian-Kostümen in der 1960ern erinnern. Die Tänzer erobern die Bühne in kleinen Gruppen, ihre Bewegungen sind synchronisiert, klassische Ballettpositionen sind angedeutet, doch...

Was ist Graham-Technik?

Als Martha Graham 1991 im Alter von 95 Jahren starb, hinterließ sie nicht nur ein umfangreiches choreografisches Werk, sondern auch eine klassische «Modern Dance»-Technik mit Wiedererkennungswert. Ihren verhakten, scharf akzentuierten, «schweren», das heißt, die Gravitation nicht leugnenden Tanz, hat die Ikone des amerikanischen Tanzes in ihrer 60-jährigen Karriere...

Gute Frage, Herr Forsythe

«Warum steht Tanz in der Nahrungskette ganz unten?» Vor sechs Jahren wurde Deutschlands beste Kompanie, das Ballett Frankfurt, abgewickelt, weil «Politiker nicht verstanden, was Tanz bedeutet», sagt William Forsythe. Bedeutungslosigkeit hat damit zu tun, dass im Tanz Deutungs­losigkeit herrscht, um nicht zu sagen: Beliebigkeit bei der Interpretation gerade von...