Wille zur Stilisierung
Treppenhaus und Diele im gediegenen Landhausstil. Barockmöbel, an den Wänden Ahnenbilder (darunter Heinrich VIII.). Doch das intakte Dekor täuscht, denn Enrico, der in diesem Ambiente herrscht, gleicht weniger einem englischen Monarchen als einem kalifornischen Gouverneur.
Den muskulösen Körper im gut sitzenden Anzug, eine Zigarette nach der anderen qualmend, schier berstend vor latenter Aggression, doch so beherrscht, dass er sie jederzeit für eine kühl kalkulierte Intrige bündeln kann: Gidon Saks zeichnet treffsicher das Porträt eines modernen, hochgradig manipulativen Technokraten der Macht. Er ist das darstellerische Zentrum dieser Aufführung, und so war es ein Glücksfall, dass er trotz grippebedingter Indisposition auftrat. Und Saks schonte sich nicht: Kein Spitzenton wankte, die mächtige Resonanz dieser Bassstimme zeigte Wirkung. Ein Grenzgang, vermutlich kein ganz ungefährlicher.
Dieser Enrico ist ganz von heute. Die anderen Figuren mit ihren alt-europäischen Zimperlichkeiten – Liebe und Treue, Gewissen und Ehrgefühl – haben keine Chance gegen ihn. Leider (ver)zeichnet die Regie (Imogen Kogge/Tobias Hoheisel) sie als bloße Schemen einer abgelebten Vergangenheit: Die Damen ...
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Opernwelt April 2013
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Ingo Dorfmüller
In den letzten Jahren haben sich Francis Poulencs «Dialogues des Carmélites» auf den deutschen Bühnen zu einem echten Repertoirestück entwickelt, was nicht nur an der Bühnenwirksamkeit des Sujets, sondern auch an einer Musik liegt, die dem Orchester gleichermaßen illustrative wie kontemplative Funktionen zuweist und in den Gesangsparts völlig dem Prinzip der...
Ein Walzer trällerndes Publikum. Ein Schluss-Ohrwurm, der noch tagelang Schwindelgefühle macht. Und ein Reynaldo Hahn-Beiprogramm mit Véronique Gens, Felicity Lott und der 94-jährigen Géori Boué, die einst selbst die Schnittlauchblüte bei der Erstaufführung von «Ciboulette» an der Opéra Comique sang. All das spricht nicht gerade für das Vorurteil der...
Erinnert sich noch jemand? An die Zeiten, als es im Theater um Sein oder Nichtsein der kritischen Bewusstseinsbildung ging? Um Aufklärung und Erziehung des unmündigen Menschengeschlechts? Um eine Ästhetik des Widerstands gegen Herrschaft und Macht? Es sieht so aus, als sei die Schaubühne als pädagogische Anstalt, als Labor für die spielerische Erprobung sozialer...
