Revolutionen, Obsessionen
Erinnert sich noch jemand? An die Zeiten, als es im Theater um Sein oder Nichtsein der kritischen Bewusstseinsbildung ging? Um Aufklärung und Erziehung des unmündigen Menschengeschlechts? Um eine Ästhetik des Widerstands gegen Herrschaft und Macht? Es sieht so aus, als sei die Schaubühne als pädagogische Anstalt, als Labor für die spielerische Erprobung sozialer Utopien Geschichte.
Mit dem Ende der Ideologien zerstob die (in West wie Ost lange virulente) Hoffnung, dass Schauspieler, Sänger, Tänzer und Musiker ein Stück wahres Leben ins falsche zaubern könnten – und sei es «nur» in die Köpfe. Tempi passati. Heute, so scheint es, nach dem Ende aller geschichtsteleologischen Glaubensgewissheiten, geben die alten Befreiungsfantasien in Oper und Drama allenfalls Material für die postdramatische Puzzlearbeit her.
Die Sorge, dass die Sache mit der klassenlosen Gesellschaft, der Traum von einer selbstbestimmten, in solidarischer Gemeinschaft aufgehobenen Existenz des Einzelnen verspielt sein könnte, trieb viele Künstler um, die sich (zeitweilig) unter der roten Fahne sammelten. Exemplarischen Ausdruck fand dieser Zweifel nicht zuletzt im Werk Luigi Nonos. Mit der kommunistischen Partei ...
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Opernwelt April 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Albrecht Thiemann
Auf dieser Bühne sang 1957 Birgit Nilsson ihre erste Turandot: Ganz schön mutig von Nina Stemme, ihr Debüt als Eisprinzessin ausgerechnet hier zu geben. «Ich habe mir gesagt: Wenn ich scheitere, dann lieber zu Hause», lacht sie. Doch Nina Stemme scheitert nicht.
In einem surreal-schrägen Zimmer starrt ein Dandy mit schnittigem Schnauzbart gedankenverloren auf die...
Wären «Die Feen» (1833) nicht von Wagner – kein Mensch würde sich für diesen Aufguss barock-romantischer Ritter- und Zauberspektakel interessieren. Es gibt wichtigere und bessere Stücke der Zeit und des Genres, wie Fouqués «Undine», Spontinis «Agnes» und Offenbachs «Rheinnixen». Auch Meditationen darüber, dass der Komponist erst 20 war, sind nicht abendfüllend....
«Learning from Las Vegas» heißt das Buch, mit dem der amerikanische Architekt Robert Venturi 1972 den Wertekanon der klassischen Moderne angriff. Schon der Titel war eine Provokation. Er verhieß eine Feier der bunten Oberfläche, des fluoreszierenden Ornaments, der neonflammenden Fassade. Er richtete sich vor allem gegen die Bauhaus-Kultur, die (von deutschen...
